Wie steht ein Fußballspiel?

Heute soll es mal wieder einen Kommentar geben zur Fußball Europameisterschaft, welcher, unabhängig von den Wetten und Wettempfehlungen, dem Wettmarkt und dessen Bewegungen sowie der Chancenberechnungen auf den Titel, Stellung bezieht zu dem Gehalt der Spiele, der Qualität derselben, der Leistung der Schiedsrichter und am Rande zu jener der Kommentatoren.

Zunächst einmal so viel: der Fußball hat über weite Strecken dieses Turniers Spaß gemacht. Man sieht die besten Fußballer Europas und man erkennt die Bereitschaft, diese Fähigkeiten auch im offensiven Sinne zum Einsatz zu bringen. Es wird meist Fußball gespielt und nicht (nur) Fußball verhindert. Dadurch, dass von allen Seiten der Erfolg in den Vordergrund gestellt wird – selbst wenn dies nach hier vertretener Ansicht ein noch mehr deutsches Problem ist, so gilt es doch sicher weltweit, was Otto Rehhagel einst empört auf eine Reporterfrage antwortete, angesprochen auf den „altmodischen“ Fußballstil der Griechen: „Modern spielt, wer gewinnt.“ – muss man natürlich mit taktischen Maßnahmen zu jeder Zeit rechnen, welche darauf ausgerichtet sind, vor allem den Gegner vom eigenen Tor fernzuhalten. Aber, nein, ganz im Ernst, von einem derartigen Trend war in der ersten Turnierphase nicht viel zu sehen.

Eine kleine Anmerkung noch am Rande, die aber an sich viel zentraler gehörte: im US Sport ist ganz klar und allseits anerkannt der zahlende Zuschauer derjenige, auf den fokussiert wird und dessen Bedürfnisse in den Vordergrund gestellt werden. Dies hat die eine eigentlich absolut logische Ursache, dass er nämlich dafür da ist, den Event, an welchem er teilhaben möchte, den er goutieren möchte und von welchem er sich die Unterhaltung erhofft und eigentlich versprechen dürfte, ihn zu finanzieren, daran führt nun einmal kein Weg vorbei. Es hat aber zugleich eine Folge: die sportlichen Teilnehmer an dem Event, diejenigen, die im Rampenlicht stehen, diejenigen, auf welche die Kameras gerichtet sind, die Zirkusdarsteller inmitten der Arena, wissen sehr wohl, woran sie sich zu orientieren haben. Der Zuschauer möchte ein faires Spiel sehen? Der Zuschauer bekommt ein faires Spiel zu sehen. Der Zuschauer möchte Spannung von der ersten bis zur letzten Minute? Der Zuschauer bekommt Spannung von der ersten bis zur letzen Minute. Der Zuschauer möchte die überdimensionalen, außerhalb der Vorstellungskraft liegenden, herausragenden Fähigkeiten der „Artisten“ nicht nur im Training sehen dürfen (wenn er meist nicht zuschaut) sondern möchte sie hier, inmitten der Arena, dann, wenn das Spotlight an ist, sehen und bewundern dürfen? Der Zuschauer bekommt sie zu sehen. Denn: „Wess Brot ich ess, dess´ Lied ich sing.“ Es kann NUR UND AUSSCHLIEßLICH der Zuschauer am Ende für alles gerade stehen, denn selbst der Sponsor tut es an irgendeiner Stelle aus Eigeninteresse am großen Mammon, welchen er von der Masse der Zuschauer einheimsen möchte, auf diese oder jene Art.

Dies scheint im Fußball nicht erforderlich, das scheint den Offiziellen bei dieser Sportart ausgerechnet egal, denn, so meint man wohl – dies zugleich die psychologische Erklärung –, der Fußball ist so gigantisch groß, dass eh alle zuschauen, egal, was da geboten wird und wie unterhaltsam oder spannend oder fair es auch zugehen mag. Nein, daran denkt man an letzter Stelle. Allein dies hat Otto Rehhagel auch zu seinem Kultsatz getrieben, denn er weiß ganz genau, dass man immer dann „alles richtig gemacht hat“ – nach der besonders von ihm in Zweifel gezogenen Medienansicht –, wenn man das Spiel, das Turnier gewonnen hat. Es gibt keinen anderen Gradmesser für die Leistung als den Erfolg. Das ist im Fußball einfach so. Egal, ob man den besten Spieler des Gegner fünf mal umgesenst hat, dafür fünf verschiedene Spieler Gelb kassierten, dieser dann entnervt und verletzt vom Platz getragen werden muss, so lange am Ende der „dreckige 1:0 Sieg“ über die Zeit gebracht wird, war es eben „alles richtig“.

Hier wird nun ganz klar die Ansicht vertreten, dass zwar sicher nach wie vor sehr viele Zuschauer das Spiel verfolgen, auch diese EM und vielleicht dabei gar alle Spiele schauen. Jedoch wird zugleich die Ansicht vertreten, dass wer es tut es a) meist als reiner Fan einer einzigen – sicher zuvörderst der eigenen – Nation tut, und dass er b) sowohl bei den Spielen MIT Beteiligung des eigenen Teams als auch insbesondere OHNE dieser Beteiligung KEINE AUSREICHENDE UNTERHALTUNG geboten bekommt. Und: die Spiele OHNE eigene Beteiligung werden oftmals doch nur am Rande geschaut, wie selbst Olli Kahn am Abend des Spieles Portugal gegen Spanien eingestand, dass er bei der Partie Frankreich gegen Spanien einfach nicht durchgehend zuschauen konnte, weil es schlichtweg langweilig wurde.

Nein, ein Amerikaner, das kann man nur zu gut nachvollziehen, würde sich wirklich schaudernd abwenden. Und dies mit einigem Recht. Der Sportler in US-Arenen ist sich der Verpflichtung bewusst, den Zuschauer zu unterhalten und nicht den Sieg in den Vordergrund zu stellen, zumal er ja mit dem Sieg bestenfalls die eine Hälfte der Zuschauer zufrieden stellen könnte, die andere hingegen in Trauer stürzen müsste, was auf seinen Gegenspieler im exakt gleichen Maße zutreffen dürfte. So behandelt er auch diesen mit Respekt und Hochachtung und der Zuschauer, der genau durch dieses allgemeine Bekenntnis zur Erzeugung von spannendem, fairem, unterhaltsamem Sport eben nicht in zwei Lager gespalten ist sondern der ebenfalls auf der Tribüne, selbst wenn mit nur der Flagge des einen Teams ausgestattet, so doch zugleich den Sport und die Unterhaltung genießt sowie die Leistung des Gegners, so er denn zum Siege kommt, im gebührenden Maße anerkennt und respektiert, den Hut zieht, gratuliert, dennoch Beifall klatscht, und keineswegs mit schlechten Gefühlen nach Hause schleicht, wie man es hierzulande sehr wohl erleben dürfte.

Hier, im Fußball, auch bei diesem Turnier, sieht es völlig anders aus. Es gibt nur eine Verpflichtung, die alle zu einen scheint: „heute müssen wir gewinnen“, die Wahl der Mittel scheint fast völlig gleichgültig. Unterhaltung? Dafür sind wir nicht zuständig. Fair-Play? Was soll das denn sein, in einem Sport, wo es nur um die Ermittlung eines Siegers geht, nicht etwa um den Zuschauer? Wo die Medien gnadenlos auf jedem „Verlierer“ (der wahre Verlierer ist einzig der längst nicht mehr existierende, denn dadurch eliminierte neutrale Zuschauer, der einfach dieses Spiel so gerne lieben würde, wenn denn nicht alles daran so schrecklich traurig und ungerecht und verkommen wäre) herumhacken, kein einziges gutes Haar daran lassen, wo jeder Spieler, wie damals bei Leverkusens Niederlage in Barcelona eine 6 auf sein Zeugnis bekommt, damit die überragende Leistung des Gegners zugleich komplett vernichtend? Nein, Fair-Play ist ein archaischer Gedanke. JEDE Geste wird nur noch unter Einhaltung der „Regeln“ für das Erreichen des Wunschzieles, das Spiel siegreich zu beenden, ausgeführt, selbst jene des äußerlichen Fair-Plays (von welchen man so gut wie nie mehr eine zu sehen bekommt).

Wenn der Gegner ein Tor erzielt, und damit von 0:2 auf 1:2 verkürzt, mit noch fünf Minuten zu gehen, dann stürzt sich der Torwart noch im Netz auf den Ball, damit ihn der Gegner ja nicht zeitiger zum Anstoßpunkt transportieren kann. Sein Ziel? Zeitgewinn. Seine Erfolgsgarantie? Sehr hoch. Denn: der erboste Gegner wird versuchen, ihm den Ball zu entreißen, weil allein schon die Geste eine Provokation ist. Der Torhüter wird noch empörter anzeigen wollen, dass er den Ball lediglich selbst herausholen wollte, damit er zur Mittellinie gelangt, wird zugleich den Gegenspieler beim Schiri anzeigen, welcher dann, in völliger (vermeintlicher) Objektivität dem Gegenspieler, der versuchte, dem Keeper das „Objekt der Begierde“ zu entreißen, die gelbe Karte unter die Nase reibt, weil er damit zugleich zum Ausdruck bringt, dass einzig er, der Schiri, zur Wahrung der Regeln im Einsatz ist und dass dieses Verhalten des Ballentreißenwollens der Selbstjustiz gleichkommt, welche die unvermeidlichen üblen Folgen der gelben Karte hat. Weiterer Effekt: noch mehr Zeitgewinn – und noch viel mehr unerträgliche Empfindungen beim neutralen Beobachter. Was soll das alles? Purer Unsinn und kein bisschen Gerechtigkeit, nämlich auch die höhere greift nicht, da das Spiel, aufgrund der für die Nachspielzeit aufgesparten zwei (!) Auswechslungen selbstverständlich mit 2:1 endet, bei welchem die letzten zwei Minuten Nachspielzeit in der Gegend der Eckfahne des zurückliegenden Teams „ausgefochten“ werden, bei welcher die den Ausgleich Anstrebenden verzweifelt aber erfolglos versuchen, nur ein einziges Mal in Ballbesitz zu gelangen. Sobald sie es, nach anderthalb Minuten, geschafft haben und den Ball zwecks Vortrages eines einzigen Angriffes über die Mittellinie schlagen, pfeift der Schiri, genau 6 Sekunden vor Ablauf der angezeigten Nachspielzeit, die Partie ab. Was soll man denn empfinden? Wie soll man das ertragen? Als „Fan“ der Führenden, deren Anhängerschaft man persönlich als Autor hier maximal bis zu diesem Augenblick der zweiten Auswechslung aufgibt, bei welcher der Ausgewechselte nicht nur zunächst fragend auf sich deutet, ob er tatsächlich runter solle, dann zusätzlich feststellt, dass er „zufällig“ gerade am anderen Ende des Spielfeldes steht UND dass seine Beine ihn zwar über 91 Minuten sehr wohl BIS HIERHER getragen haben, über die kompletten 11.7 Kilometer Laufstrecke, dass jedoch die letzten 65 Meter bis zur Auswechselbank nun wirklich nicht mehr zu bewältigen sind in weniger als 45 Sekunden und dass er zugleich Beifall ins Publikum klatschend jenen einheimst, der ihm dank dieses Gebarens alles andere als zustünde. Nein, hier sträubt sich alles dagegen, diesem Team den Sieg zu gönnen, obwohl man ganz sicher sein kann, dass die geschundenen 45 Sekunden den entscheidenden Beitrag zum Siege leisten werden.

Nein, da ist alles faul, es stinkt zum Himmel und von Gerechtigkeit und Fair-Play gibt es keine Spur. Der neutrale Zuschauer wird ja auch gar nicht erst angehört, weil seine Existenz bereits verleugnet ist, was zur Folge hat, dass, wenn sich jemand zu Wort meldet und diesen „Missstand“ anzeigt, er automatisch – wie ja auch zumeist wirklich der Fall – als eindeutig parteiisch zugunsten der gerade in dem Moment benachteiligten Mannschaft ist, ihm wird das Wort entzogen und er wird als schlechter Verlierer hingestellt, der andere Umstände zur Erklärung heranziehen möchte als das in Wahrheit (medienseitig) längst ausgemachte „kollektive Versagen“ des eigenen Teams. Vor allem wird, in völliger Verblendung und Scheinheiligkeit das Totschlagargument ausgepackt, mit dem man die eigene Weste wieder blütenrein wäscht: „Die andern hättens ja ooch so jemacht.“ Nein, da wird nicht nur der Hund in der Pfanne verrückt, bei so viel Idiotie, zumal diese Argumente ja nicht nur von den Ausübenden auf dem Platz, sofern sie sich so äußern, hingenommen werden sondern von der eigentlich zur Objektivität und Neutralität aber auch zur Aufzeigung und Feststellung von Missständen verpflichteten Journaille übernommen, und somit alles gutgeheißen, was jedem Gerechtigkeitsfanatiker die Abkehr vom eigentlich so schönen Spiel Fußball aufzwingt. DAS kann man nun wirklich nicht mehr ertragen.

Ja, was hat das nun mit der EM zu tun? Na ja, immerhin so viel, dass man in den letzten beiden Spielen – England gegen Italien und Spanien gegen Portugal – bezeugen konnte, dass die Bedürfnisse des eigentlich anzuvisierenden neutralen Zuschauers völlig außer Acht gelassen werden. Man sagt sich – jeder, die Spieler, die Sprecher, die Schiedsrichter –: hier steht so viel auf dem Spiel, da kann man nicht einfach ein Offensivspektakel erwarten, mit Torchancen hüben wie drüben, mit Toren, möglichst im Wechsel, so dass die Spannung erhalten bleibt, mit tollen Schüssen und ebensolchen Paraden, mit Hackentricks und Tempodribblings, die nicht vom Foulspiel unterbrochen werden und mit, last but not least, haufenweise fairen Gesten, die man doch so sehr vermisst, wenn man nicht parteiisch ist, nein, deren Abwesenheit man eher verwundert zur Kenntnis nehmen muss, wenn man vor allem berücksichtigt, dass doch viele der heutigen Widersacher in zwei Wochen wieder im gleichen Team trainieren und spielen, womöglich gar auf Reisen sonst das Zimmer teilen. Was aber würde sich ein Zuschauer, der einfach nur Fußball sehen möchte und keinen Krieg, wünschen? Genau das, von dessen Ausbleiben er bereits bei Anwahl des Kanals überzeugt sein darf: hier wird es, wenn es hoch kommt, alle 20 Minuten überhaupt mal einen TorVERSUCH geben, von welchem man sehr entfernt hoffen darf, dass er sein Ziel NICHT verfehlt, wobei sich dann nur die Frage stellt, ob der Torhüter bei der Parade sicher oder unsicher wirkt, ob er den Ball festhalten kann oder zur Ecke boxen muss oder ihn gar ins Feld zurückspringen lässt, so dass ihn ein eigener Verteidiger – welche zuverlässig stets in der Überzahl sind in diesem Spielfeldbereich – aus der Gefahrenzone befördern muss und keineswegs die Frage im Raume steht, ob nun DIESER Angriff zum Torerfolg führt oder doch eventuell erst der nächste.

Nein, hier ist für gar nichts gesorgt, was eines wahren Fans des SPIELES FUßBALL Herz höher schlagen lassen könnte. Sobald die Verlängerung übrigens angebrochen ist – von deren Austragung man spätestens ab Minute 70 überzeugt sein muss –, so soll man sich ausschließlich aufs Elfmeterschießen freuen und DIESE 30 Minuten hier nur als Überbrückung erachten, denn mit Torchancen ist auch weiterhin nicht zu rechnen, und selbst wenn, so würde der Keeper diese garantiert entschärfen – sofern es nicht der übereifrige Schiedsrichter im Verein mit seinen Assistenten tut, indem die Fahne mal wieder aus unerfindlichen Gründen vorschnell hochreißt, genau in dem Moment, als man denkt, es könnte spannend werden. Egal, ob dann Stürmerfoul oder Abseits oder einfach nur „nein, kein Strafstoß, den hätte er aber geben können“ – den so sehnlichst erhofften Abschluss, geschweige denn einen Einschlag, bekommt man nicht zu sehen. Das fadenscheinige Argument, dass es ja nur von EINER SEITE AUS sehnlichst erwartet wird und von der anderen genauso sehnlichst VERWÜNSCHT wird, ist genau das, woran der Fußball derzeit so sehr krankt. JEDER würde sich freuen über ein Spektakel, sobald geklärt wäre, dass es UM DAS SPEKTAKEL geht, um die gute Unterhaltung, um die Dramatik, um den guten Fußball mit Torchancen, Torschüssen und Glanzleistungen, bei denen nicht immer der Verteidiger als Sieger hervorgeht, um die Fairness und erst an letzter Stelle um die dann und genau darum so einfach anzuerkennende Ermittlung des Siegers, dem man den Sieg unter diesen Umständen von allen Seiten aus auch vorbehaltlos gönnen würde.

Nein, die Schiedsrichter sind natürlich kein bisschen Schuld daran, aber sie tragen ihren erheblichen Teil dazu bei. Warum nur wird die Leistung des gestrigen Schiris aus dem Spiel Spanien gegen Portugal so hoch gelobt, als so souverän und an keiner Stelle ernsthaft fragwürdig angesehen? Das hat eine einfache Ursache: nicht nur die Spieler der verteidigenden Seite schaffen es, mit wachsenden Erfolgsaussichten, den Gegner vom eigenen Tor fern zu halten, nein, auch der Schiedsrichter trägt dazu bei, selbst wenn nach außen hin so völlig unauffällig. Es gibt einen einfachen Grund, warum er ein Interesse daran hat, um zunächst mal diesen Fall zu klären:

Je näher der Ball dem Tor kommt, und mit ihm Angreifer und Verteidiger, umso kritischer werden die Entscheidungen. Denn: nun gilt es. Hat hier der Stürmer gezogen oder war es doch der Verteidiger? Da sich in aller Regeln beide gleichermaßen unfair verhalten – sie gehen an die Grenzen – ist jede Entscheidung eine Kann-Entscheidung. Man kann Elfmeter geben, man kann aber auch Stürmerfoul geben. Unangenehm ist es allemal, aber gerade in Tornähe wird es eben extrem kritisch: gibt man den Elfmeter, ist die Partie entschieden. Genau vergleichbar ist es übrigens bei Handspiel oder Abseitsentscheidungen. Insofern, da als Schiri an der eigenen Karriere, am gut dastehen, an guten Noten interessiert, hält man das Spielgeschehen möglichst weit vom Tor entfernt. In Tornähe KANN man Spiel entscheidende Fehler machen. Im Mittelfeld würde ein jeder Fehler großzügig übersehen, ignoriert, gar nicht wahrgenommen werden, da eben so dermaßen irrelevant. Ob an der Mittellinie Freistoß oder Einwurf für diese oder jene Mannschaft? Das spielt nun wirklich keine Rolle. Der Engländer sagt es gerne so: „Get the big decisions right.“ Nur spart man sich das, wenn es gar nicht erst zu einer „big decision“ kommt, indem das Spiel bereits vor Erreichen des Strafraumes unterbunden wird.

So ist es ein Leichtes, bei einem entstehenden Angriff irgendwo bei Überschreiten der Mittellinie eine Ungereimtheit zu erkennen und anzuzeigen. Diese wird wieder und wieder weidlich genutzt vom Pfeifenmann. Wenn es näher ans Tor herangeht, dann wird er noch kleinlicher. Als einmal ein Portugiese einen Ball im Strafraum mit der Brust herunternahm und es wirklich für einen Moment nach höchster Torgefahr roch, pfiff er einfach ab. Seine Begründung sicherlich: ein Handspiel. Nur war in der Wiederholung nichts davon zu erkennen. Ja, er irrte, so müsste man meinen, und es würde ihm auch angekreidet. Aber nichts da. Wohlwollend wird ihm das nachgesehen, sofern überhaupt erkannt. Der Sprecher schwimmt ja schließlich auf der gleichen Welle und vor allem hat er die Anweisung erhalten, die Leistungen des so armen Mannes, der die Geschicke hier zu lenken hat, nicht überkritisch zu beurteilen, kleinere Fehler sind menschlich, also, Schwamm drüber.


Als in einer anderen Situation Sergio Ramos im Strafraum sich in einen gefährlichen Flankenball aus dem Halbfeld mit der Brust hineinwirft, den Ball jedoch, in der Zeitlupe mehr als offensichtlich, an den Arm bekommt, sieht er auch diese Szene, nach Sprechers Ansicht völlig klar und eindeutig als „kein Strafstoß“ an. Denn: wo käme man denn hin, wenn man für ein Handspiel im Strafraum auf den Punkt zeigen würde, zumal, wenn es sich noch nicht einmal um eine direkt torgefährliche Aktion handelt? An anderer Stelle machte ein Portugiese ein vergleichbares Handspiel, als ihn im eigenen Strafraum aus nächster Nähe ein Schuss traf, den er, ganz offensichtlich, mit hoch gerissenen Armen abwehrte. Nein, auch hier „reicht es nie und nimmer für einen Elfmeter“. Warum nur, wird doch der Ball mit der Hand berührt, klar erkennbar, auch für den Schiri, und steht doch in den Regeln, dass es bei Handspiel im Strafraum Elfmeter gibt?

Wie derartige Szenen im Ausland beurteilt werden, ist gar nicht einmal so sehr die Frage. Denn: was würde es ändern, wenn es in 75% der übertragenden Ländern heißen würde, nach mehrfachem Zeitlupenstudium und gerne auch erst in der Halbzeitpause oder nach dem Spiel: „Da hätte es Strafstoß geben müssen.“? Nichts würde es ändern, denn es gibt nur ein Faktum: es gibt keinen. Hier nicht und dort nicht und gar nirgends. Als Christiano Ronaldo einmal mit Tempo durch zwei Verteidiger hindurchgeht und niemand auf der ganzen Welt leugnen könnte, dass er von mindestens einem der Verteidiger gehalten wird, er sich dann, lediglich in der Absicht, seinen Sturmlauf fortzusetzen, mit gleichen Mitteln zur Wehr setzt, heißt es, aus Schiedsrichters Pfeife, lapidar: „Stürmerfoul“ – und weltweit gibt es anscheinend niemanden, der widerspricht?!

Hier ist das Votum eindeutig und klar: selbst wenn der Stürmer das Gleiche getan hätte wie der Verteidiger – und es somit eigentlich eine 50-50 Entscheidung sein müsste, was ja, wenn so ausgelegt, längst ausreichend wäre, um für Unterhaltung zu sorgen in Form von Toren; in Wahrheit werden jedoch immer die 50% für die Verteidigerseite genutzt — , so müsste es noch immer eigentlich zugunsten des Stürmers ausgelegt werden. Denn: a) ist es die Offensivaktion, die man eigentlich (als Freund des Sports) zu sehen bekommen möchte, was dem Angreifer eigentlich ohnehin schon die Vorfahrt einräumen sollte, aber b) ist es ja wohl ein deutlicher Unterschied zwischen dem, der anfängt, sich gegen die Regeln zu versündigen und jenem, der nur mit gleicher Münze zurückzahlt, da ihm schlichtweg die Mittel ausgehen, sofern er, was ihm natürlich bewusst ist, er keinen Schutz vom Schiedsrichter bekommt. Man könnte als c) sogar noch anführen, dass es die eine Partei ist, die sich müht, aus der Situation einen Vorteil zu ziehen, und diese in aller Regel nicht nur völlig straffrei ausgeht sondern zugleich den Erfolg auf seiner Seite verbuchen kann.

Wie konnte man nur je zu der Ansicht gelangen, dass es so wunderschön ist, wenn jede Offensivaktion, egal, mit welchen Mitteln, unterbunden wird? Sobald sich da die Fesseln nämlich lockern würden, der Schiri nicht mehr die Meinung vertreten würde, dass er, wenn er hier einen Elfmeter verhängt, das Spiel entscheidet und er sich insofern davor scheut, wenn tatsächlich in den so unsäglich vielen extrem knappen Abseitsentscheidungen dem Stürmer, laut Regeln unterstützt, der Vorteil eingeräumt würde, im Zweifel für ihn auszulegen (zur Erinnerung: eine Regeländerung zur WM 1990, in den USA, von dort aus initiiert), wenn ein Verteidiger gar wüsste, dass er die Hand im Strafraum besser unten ließe, da es sonst Elfmeter gäbe, wenn der Verteidiger im Zweikampf ebenso wüsste, dass SEIN Vergehen garantiert NICHT übersehen würde, ob im (dort nach gängiger Praxis noch lieber) oder außerhalb des Strafraums, wenn man überhaupt bei jeglichem Vergehen wüsste, dass der Nachteil, der einem bei Erkennen daraus erwächst größer ist als der Nutzen, den man daraus ziehen könnte, wenn man es nicht beginge, wenn man bei einer Auswechslung oder offensichtlichem Zeitspiel in der Nachspielzeit nicht etwa die geschundene Zeit hinten dranhängen würde (was absolut schon NICHT der Fall ist), sondern zur Strafe (welche eigentlich ein Fehlverhalten nach sich ziehen sollte) das doppelte dieser herausgeschlagenen Zeit, einfach so, mit dem Hintergrund, dass „crime don´t pay“, Verbrechen lohnt nicht, drangehängt würde, ja, in welch wunderbare Welt des Fußballs wir dann blicken könnten, ist gar nicht abzusehen, könnte so viel mehr Spaß machen, so viel mehr Leute noch anlocken, für so viel mehr positive Stimmung und Gefühle sorgen, dass es wohl kaum vorstellbar ist.
Anstatt dessen sollen wir uns hier nun tagtäglich an der angeblich so hohen Spannung, die ein sich über 120 Minuten mehr als deutlich anbahnendes Elfmeterschießen auslöst, erfreuen, welches, nach hier ebenfalls vertretener Ansicht, einen um keinen Deut höheren sportlichen Wert hat als ein Münzwurf?

Erstaunlich übrigens noch, wie es den Abwehrspielern immer wieder gelingt, den durchbrechenden Stürmer im entscheidenden Moment von den Beinen zu holen, jedoch dies stets im Wechsel einer der zuvor noch nicht verwarnten Spieler tut, das ist schon sensationell. Dass dieses Verhalten dazu noch durch die Regeln gedeckt ist und der Vorteil den Abwehrspielern gesichert – denn lieber einmal Gelb als ein Gegentor – ist ein weiteres Beispiel, warum der Fußball SO nun wirklich nicht funktioniert. Wieso in aller Welt soll sich denn dieses Verhalten auszahlen? Ronaldo ist nicht zu halten, nicht mit fairen Mitteln. Das sieht man und das weiß man. Also sind die Mittel unfair. Das ist ein logischer Schluss. Und sie sind es. Nur: Portugal ist raus, er WURDE aufgehalten. Mit welchen Mitteln? Genau.

Welcher Moment in diesem Halbfinale war schön, soll schön gewesen sein? Als er, genau dieser Christiano Ronaldo, nach dem Elfmeterschießen, von den Kameras eingefangen wurde, mit Tränen in den Augen? Ja, schön wäre dies gewesen, wenn es sich um einen sportlichen fairen Kampf gehandelt hätte. Er war es aber nicht. So kann man eigentlich nur Wut empfinden. Wut auf beinahe alles, was mit diesem Spiel im Zusammenhang steht.

Bei Italien gegen England sah es alles in allem nicht viel anders aus. Mit dem winzigen Unterschied: dort hat am Ende das bessere Team das Weiterkommen geschafft, was einem dann, neben der auch dabei sich anbahnenden Wut auf das Gesamtpaket, eine gewisse Genugtuung verschafft. Und möge bitte ja keiner das Gegenteil behaupten, denn selbst die englischen Medien haben dies in gewohnter Objektivität und mit der einhergehenden aber doch so sympathischen Trauer absolut anerkannt.

Ach, und damit die Überschrift auch noch zu ihrem Recht kommt: zuletzt drängte sich mir, ja, mir, dem Autoren, dem Verfasser dieser Zeilen, dem Schreiberling, mir, Dirk Paulsen, immer häufiger diese Frage auf: wie steht ein Fußballspiel? Nur, um damit zu untermauern, was sich mehr und mehr durchsetzt und damit die eigentlich ausgestrahlte Langeweile des Spieles und der Frage zu dokumentieren, deren Antwort immer wieder heißen muss: „Es steht 0:0.“ Ja, wie auch sonst?

Wenn man sich nun in einen Alien hineinversetzt, der diese Frage aufwirft und dem man nur so viel erklärt hat: „Es geht darum, wer mehr Tore erzielt. Die beiden Zahlen bringen das zum Ausdruck. Dabei ist 1 größer als 0, 2 größer als 1, 3 größer als 2, etc.“ Logischerweise würde dieser sagen: „Wann passiert denn was?“ Falls er nicht direkt weiter gehen würde. Oder eben: „Na, sag mir Bescheid, wenn was passiert, DANN schaue ich (den Rest).“ Nur müsste man ihm a) sagen, dass vermutlich nie was passiert (bis zum Elfmeterschießen) und, die noch viel traurigere Wahrheit: „Sobald etwas passiert, ist das Spiel aber entschieden. Wenn es nämlich wirklich geschehen sollte, dieses kleine Wunder eines Tores zum 1:0, dann steht der Sieger fest. DANN brauchst du nun wirklich nicht mehr zu schauen.“

Sprich: bevor etwas passiert, will man es nicht sehen, weil sich 0:0 doch so unendlich langweilig anhört, und nachdem etwas geschehen ist, will man es nicht mehr sehen, weil es dann entschieden ist? Ja, was macht also derjenige, der NICHT für eine der beiden Parteien ist? Genau, sich abwenden. Hat er schon? Hat er schon.

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