Die (un-)geliebten Wahrscheinlichkeiten

Also wenn man es genau nimmt, dann sind bei allen derzeit so heiß diskutierten Themen die Wahrscheinlichkeiten das Zünglein an der Waage, das, was Ausschlag gebend ist, das, was jedoch auf der anderen Seite unerkannt oder zumindest unartikuliert bleibt, und vor allem, so dreist wagt man es, sich aus dem Fenster zu lehnen, was unverstanden bleibt von den Meisten.

Welche Themen sind es nun also? Hier soll nur rasch aufgezählt werden: die Hertha Entscheidung in der Relegation, das Champions League Finale zwischen Bayern und Chelsea mit dem unglücklichen Ausgang für die Bayern und die anstehende Europameisterschaft, bei welcher ebenso die Titelchancen der Deutschen mehr und mehr in den Fokus gerückt werden.

  1. Die Relegation der Hertha

Was also spielen Wahrscheinlichkeiten bei dieser Entscheidung für eine Rolle? Nicht etwa, dass, wie vielleicht sogar möglich, die anstehende Entscheidung in ihrem Ausgang als Wette angeboten wird oder diskutiert werden soll, nein, von derartigen Chancen versteht man selbst (ich, der Autor) kaum etwas und hätte kaum Anhaltspunkte, auf diese einzugehen (selbst wenn eine Einschätzung darüber in der folgenden Argumentation einfließt).

Nein, es geht vielmehr darum, dass zwar ganz klar und eigentlich unstrittig ist, dass das beim Stande von 2:2 nach etwa 150 Minuten mit Spielzeit, Pause und Unterbrechungen, abgepfiffene Rückspiel nicht regulär zu Ende gegangen ist, dass jedoch für das Urteil vom DFB Sportgericht entscheidend aber unerwähnt einfließt, dass die Chancen dadurch nur irrelevant beeinflusst wurden.

Falls diese Bemerkung zunächst für Verwirrung sorgen sollte: intuitiv spürt man zwar, dass der Hertha unrecht widerfahren ist, das ist nicht das Problem. Man weiß auch, mit Sicherheit, an offizieller Stelle, dass ihnen ein Teil der Chancen geraubt wurde, das 3:2 zu erzielen und damit die 1. Klasse zu halten. Nur hat man keine Ahnung, wie groß diese geraubte Chance ist, redet aber auch nicht darüber. Vor allem eben, da man überhaupt keine Ahnung hat und auch keine hätte, keinerlei Annäherung daran für möglich hält: welche Chance auf den Klassenerhalt wurde der Hertha genommen? Wie viel Prozent hatten sie, in den eigentlich zu absolvierenden Minuten, ein weiteres Tor zu erzielen, bei regulärer Fortsetzung der Partie?

Intuitiv spürt man, dass diese Chance klein ist. Dies spürt natürlich auch der Richter, der in erster Instanz das Urteil zu sprechen hatte – und dies gegen die Berliner tat. Nur ist er bei der Entscheidungsfindung bereits in dem Sinne beeinflusst, da er das Ansinnen als den Strohhalm erkennt, der es eben ist: ein ziemlich dünner (wobei der Vergleich mit dem Strohhalm ja bereits deshalb angestellt wurde, um die minimale Größe einer Rettungschance zum Ausdruck zu bringen, also er muss nicht zusätzlich dünn sein). „Was wollt ihr? Ihr wollt auf diesem Wege die Klasse halten, obwohl ihr in Hin- und Rückspiel 3:4 verloren habt? Nein, ihr hättet ein Tor mehr benötigt und das fällt nicht einfach so vom Himmel und erst recht nicht hier vom Richtertisch.“ So in etwa die unausgesprochenen Hintergedanken dabei.

Das Problem besteht also vor allem darin, die Chance einzuschätzen. Es ist eine mit einem zu gebenden Elfmeter vergleichbare Situation: der Schiri spricht diesem vor allem deshalb so ungern zu, da er spürt, dass er aus einer sehr geringen Torchance eine gigantische Riesentorchance macht. Wenn also ein Stürmer nur leicht gezerrt wird bei einem Eckball und der Schiri dies erkennt, so scheut er sich dennoch, diesem Angreifer einen Strafstoß zuzusprechen. Hauptgrund: erst einmal müsste der soeben am Trikot gezogene Spieler überhaupt an den Ball kommen. Wenn er denn herankäme, dann müsste er ihn noch mit ausreichend viel Kraft Richtung Tor bugsieren. Falls ihm dies gelänge – bereits eine winzige Chance – dann müsste er auch noch am Torhüter UND am vermutlich die Linie absichernden Verteidiger vorbeikommen. Nein, das wird kein Tor und würde auch keines werden, vielleicht mit einer Chance von 1 zu 100. Und nun soll ich einen Elfmeter verhängen? Nein, so sagt sich der Schiri, da wäre jede andere Beurteilung dieser Szene recht und besser. Hat der Mann wirklich gezerrt? Hat nicht der Stürmer AUCH seine Hand am Trikot gehabt? Ach was, ich geb Stürmerfoul und bin aus allem raus. So spielen sich hundertfach die unausgesprochenen Gedanken im Kopf ab und werden so zur Routine: dafür gibt es keinen Elfmeter, dafür gibt es keinen. Weil: einfach so ein Tor schenken was sonst keines würde tu ich nicht.

Vergleichbar also die Situation der Richter im Falle Hertha: sie haben eigentlich kaum noch eine Chance gehabt. Und nun sollen sie ein Wiederholungsspiel bekommen? Nein, die daraus gewonnene Chance wäre bei Weitem zu groß, das wäre ebenfalls ungerecht.

Wenn man es nun richtig machen wollte, dann müsste man eigentlich eine vergleichbare Situation herstellen, in welcher die Hertha die im Spiel bei dem Abbruch gehabte Chance repräsentiert. Die einfachste Möglichkeit dazu wäre, das Spiel mit vielleicht 6 Minuten Restspielzeit erneut anzusetzen, beim Stande von 2:2. Falls man ein derartiges Ansinnen für völlig idiotisch, nicht durchführbar hält: in Spanien gab es bereits vergleichbare Urteile. Einmal wurde ein Spiel wegen einer Bombendrohung abgebrochen, etwa 4 Minuten vor Ende des Spiels, Real Madrid daheim gegen Real Sociedad, falls die Erinnerung nicht trügt. Es stand 1:1, es wurden 4 Minuten plus Nachspielzeit angesetzt, dafür erschienen sogar die Zuschauer wieder (sicher nicht alle) und Real gewann das Spiel mit 2:1.

Also: möglich ist es. Und es würden in etwa die Chancen hergestellt, die der Realität entsprechen. Denn: ein komplettes Widerholungsspiel anzusetzen, womöglich auf neutralem Platz, das spürt ebenfalls jeder, würde für ein deutliches Anwachsen der Chancen der Hertha sorgen und würde von daher auch eindeutig als ungerecht empfunden werden.

  1. Der verpasste Champions League Titel

Ähnlich der Fall bei Bayern und ihrem Champions League Finalauftritt im eigenen Stadion. Wie waren die Chancen eigentlich vor dem Spiel einzuschätzen? Wie haben sich beide Mannschaften im Sinne dieser Chancen verhalten? Entsprach also die Vorabeinschätzung den gezeigten Leistungen auf dem Platz?

Die Einschätzung am Wettmarkt sah in etwa so aus: Bayern Sieg in 90 Minuten mit einer Quote von 1.70 gehandelt, Bayern holt den Cup wurde mit 1.40 gehandelt. Wenn man sich nur auf die Quote für „Cup in der Hand“ konzentriert, dann entsprach diese Einschätzung durch Kehrwertbildung, also 1 geteilt durch 1.40, 1/1.40, in etwa 71.4% für Bayern, entsprechend 28.6% für das Ereignis „Chelsea gewinnt die Champions League“.

Wenn man nun die 120 Minuten Revue passieren lässt, dann muss man feststellen, dass diese Markteinschätzung sehr realistisch war. Die Bayern machten ein tolles Spiel, die Bayern waren die ganze Zeit überlegen und hatten ganz klar die Vielzahl der Chancen. Nur war es eben so – vom Autoren empfunden aber auch in dieser oder jener Diskussion bestätigt – dass Chelsea keineswegs komplett aus dem Spiel war und eigentlich eine ihrer Einschätzung entsprechende Performance abgeliefert haben. Sie wirkten in der Vorwärtsbewegung teils sehr zielstrebig und ziemlich gekonnt am Ball, man hatte ab und an das Gefühl, dass es ganz schnell gehen könnte.

Man darf auch niemals vergessen, dass sie, so lange sie als Außenseiter das Spiel Unentschieden halten, keine Verpflichtung sehen, das Spiel unter allen Umständen nach vorne zu tragen. Sie richten sich ein mit der Außenseiterrolle, halten ihren Kasten sauber so gut es geht und nach vorne soll der liebe Gott helfen, wenn denn man ein Konter gelingt.

Wenn also zu einem früheren Zeitpunkt das 1:0 gefallen wäre, hätte man vielleicht über längere Zeit einen ganz anderen Auftritt erleben können, der noch mehr Rechtfertigung für die Einschätzung geliefert hätte. Da Bayern das Führungstor erst in der 85. Minute erzielte, hatte man kaum Gelegenheit, Chelsea im Rückstand zu erleben. Jedoch haben sie ja bei dem einen Angriff (nach einer Ecke) direkt das Tor erzielt, was zwar Zufall und jedenfalls auch das notwendige Glück benötigte, aber auf keinen Fall dagegen spricht, dass sie noch etwas im Köcher hatten.

Also: die Einschätzung des Marktes stimmte, so gut man es beurteilen kann. Beide Mannschaften haben eine ihrer Spielstärke (Heimvorteil mit einbeziehend) Leistung gezeigt. Der Schiedsrichter war insoweit wohlwollend, dass er dem besseren Team, als er die Chance dazu hatte, einen Elfmeter zusprach, der zumindest in vergleichbaren Situationen keineswegs immer gegeben wird. Die Bayern nutzten diese noch größere Chance nicht, jedoch hätte Chelsea ja selbst nach dem 1:2 noch gute 25 Minuten Spielzeit gehabt, um ein weiteres Tor zu erzielen, welches sie nun, da es 1:1 blieb, nicht dringend brauchten (also man darf keineswegs davon ausgehen, dass das 2:1 den Titel bedeutet hätte; die Chancen wären jedoch größer als vor dem Spiel gewesen nach einem 2:1, das ist keine Frage).

Das Elfmeterschießen, welches eigentlich und objektiv keinen Favoriten besitzt, ging dann an Chelsea. Nun ist jedoch beinahe von einer Tragödie aus Sicht der Bayern die Rede. Dies kann man, bei vernünftiger Chanceneinschätzung, kein bisschen nachvollziehen und würde es gerne begreiflich machen, auch den Spielern und Verantwortlichen selbst.

Dass man in Deutschland immer, wenn es zum Elfmeterschießen kommt, quasi den Champagner bereits öffnet, ist eines der kleineren Probleme, die zu einer so verschobenen Wahrnehmung geführt haben. In England titelte die Presse gleich nach dem Triumph, dass man diesen Tag nun dringend in die Geschichtsbücher eintragen, gar rot markieren müsse: ein englisches Team hat gegen ein deutsches im Elfmeterschießen gewonnen.

Nun, die Engländer haben allen Anlass, demütig zu sein, haben sie doch so häufig aus ihrer Sicht grundlos und nur einer Laune der Glücksgöttin zu verdanken, diese Elfmeterschießen im Dutzend verloren. In Deutschland müsste man diese Demut erst erlernen. Der Weg dort hin: möglichst viele Niederlagen im Elfmeterschießen. Dann erst dürfte man begreifen, dass Gott keineswegs ein Deutscher ist und dass einem derartige Siege keineswegs so schlafwandlerisch sicher zustehen, wie man es als Deutscher zu empfinden geneigt ist.

Dieser Champagner musste nun wieder zurückgestellt werden, nur um festzustellen, dass er später, da bereits geöffnet, ausgesprochen fad schmeckt…

Nein, die Bayern haben nichts falsch gemacht. Sie haben ihre gut 70% nicht genutzt, für die sie aber alles in ihrer Macht stehende getan haben. Der Gegner hatte das Glück an diesem Tage, seine knapp 30% zu realisieren. Das ist alles andere als ein Wunder und, wenn man es umkehrt, alles andere als eine Tragödie. In der Bundesliga passiert es im Schnitt so um die zwei Mal PRO EINZELNEM SPIELTAG, dass der Außenseiter ein Spiel gewinnt, oftmals noch ein größerer als es Chelsea war. Da nimmt man es ganz locker und selbstverständlich hin, freut sich gar darüber, dass die Bundesliga nicht so vorhersehbar ist und dass es doch immer wieder kleine bis größere Überraschungen gibt. Wie kann man da nur von einer „Tragödie“ sprechen, die noch dazu einen riesigen Einfluss auf…

  1. Die Europameisterschaft

haben soll? Nein, das ist nicht nachvollziehbar. Die Bayern in allen Wettbewerben nur Zweiter! Ach, wie sehr würden doch andere davon träumen, nur in einem einzigen dieser Wettbewerbe Dritter zu werden! Und wie schän müsste es sein, wenn sie nun, statt ins Finale gelangt zu sein, gegen Real Madrid stattdessen, nach zwei glänzenden Auftritten, unglücklich im Elfmeterschießen ausgeschieden zu sein, in der Bundesliga Platz 3 erzielt zu haben und gegen Gladbach ebenfalls das Elfmeterschießen im Halbfinale des DFB-Pokals verloren zu haben? Dann wäre nämlich niemand auf den Gedanken gekommen, sie als Versager hinzustellen… Drei Mal gut verkauft, drei Mal voll dabei, drei Mal kurz vorm Titel gestoppt. Kein Problem. Aber so…?

Die Medien sind nun voll davon, wie schlimm diese Niederlage gegen Chelsea war. Mit diesen frustrierten Bayern könnte man doch keine EM gewinnen?

Nun, vor der letzten EM hatte man (als Autor) die Chance, die eigene Software mit den Ergebnissen bei einem Live Auftritt bei Gerd Delling, in „Dellings Woche“, zu präsentieren. Der Computer hatte damals für Deutschland eine Chance von 21.6% errechnet, womit sie, gegenüber allen anderen Kandidaten, die größten hatten. Deutschland war Favorit. Dieses Ergebnis wurde auf den Bildschirm gebeamt, nach einigen erläuternden Worten, und gerade als erläutert werden sollte, warum die Chancen so hoch waren, war die Sendezeit vorbei.

Der Grund war nämlich der: Deutschland hatte die leichteste Vorrundengruppe und damit, nicht zu ersten Mal, das Losglück auf seiner Seite. Auch ein Aspekt, die Chancen zu erhöhen, was hierzulande kaum oder nur sehr ungern wahrgenommen wird. Sie hatten mit Polen, Österreich und Kroatien zumindest die Nummer 15 (Polen) und die Nummer 16 (Österreich) von 16 in ihrer Gruppe. Das erhöht die Chancen ungemein, wie sich bei den Zahlen für das Überstehen der Vorrunde deutlich zeigte.

Somit war Deutschland nicht die beste Mannschaft, sondern eher die glücklichste, wegen der Auslosung. Im Finale, was man, wie fast immer, erreichte, über die Lose Portugal, Viertelfinale, und Türkei, Halbfinale, mit jeweils 3:2 Siegen, während sich die wahren Konkurrenten teils in Todesgruppen (Holland, Italien, Frankreich, Rumänien), teils in den k.o.-Spielen (Spanien – Italien) gegenseitig eliminierte, musste man sich dann einzig Spanien beugen, so dass die Einschätzung ganz gut bestätigt war: man hatte die leichtere Gruppe und sogar den leichteren Weg. Als vor dem Finale die Konkurrenz teils noch verhöhnt wurde („Ja, wo sind sie denn alle? Wir sind jedenfalls wieder mal im Finale.“), konnte man einen weiteren Beleg für hier mangelnde Objektivität aufgrund permanent zufliegender Erfolge beobachten.

Nun, es waren 21.6% vor dem Endturnier 2008. Natürlich weiß das hier kaum jemand, außer derjenige, der sich ernsthaft mit dem Wettmarkt beschäftigt und das für mehr also pure Spielerei hält, aber 21.6% sind, selbst wenn es stimmte und er höchste Wert aller Teams ist, noch weit davon entfernt, die Volksmeinung „Klar holen wir den Titel“ auch nur ansatzweise für adäquat zu erklären. Es ist, selbst wenn die größte, weiterhin nur eine sehr entfernte Chance und sogar noch deutlich unterhalb jener, die dem FC Chelsea vor dem CL-Finale zugestanden wurde.

Für das Jahr 2012 hat der Computer eine Chance von 16.10% errechnet für die Chance, dass das deutsche Team den Titel holt. Dieses Jahr haben sie nicht das gewohnte Losglück gehabt und haben mit Spanien einen Konkurrenten im Turnier, der in diesem Jahr, nach dem WM- Gewinn 2010, anerkannt klarer Favorit ist und damit, trotz der gegenüber 2008 besseren Deutschen Mannschaft, dieser etwas kleinere Chancen verspricht.

Diese Werte sind in etwa vom Wettmarkt bestätigt, so dass es nur geringe Zweifel an der Richtigkeit der Einschätzung gibt. Dass das verlorene Champions League Finale diese nun verkleinern sollte, daran könnten, wenn es denn möglich ist, nur die Medien schuldig sein, die den Bayern das Versagen zuschieben möchten und damit das Selbstvertrauen untergraben könnten. Vermutlich würde aber auch dies unbeabsichtigt und unbedacht geschehen…

Was weiß man schon von „Wahrscheinlichkeiten“?

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