Von wegen „Feiertag“…

Mittwoch, 26.4.2012, Rückspiel im Champions League Halbfinale, Bayern München musste zu den Königlichen nach Madrid und dort nach Möglichkeit einen 2:1 Vorsprung aus dem Hinspiel zu verteidigen, um den Traum eines jeden Fußballers, in das Finale dieses gigantischen Wettbewerbs einziehen, welches ausgerechnet in München ausgetragen wird, wodurch die Träume noch ein wenig intensiver wurden für jeden im Münchener Trikot. Das ist eines der ganz großen Highlights, aus Sicht von Sky, heute werden die Cafés und Kneipen, mit Sky ausgestattet, garantiert überquellen, heute gilt es, so richtig Werbung für sich und für den Fußball zu machen, heute muss man ganz sicher nicht fürchten, dass auch nur ein einziges Fernsehgerät abgeschaltet wird, so lange das Spiel nicht entschieden ist gegen die Bayern, was aus deutscher Sicht doch bitte, bitte lange nicht geschehen möge, sofern es denn überhaupt sein müsste…

Das Spiel war hochklassig, dramatisch, faszinierend, begeisternd, mitreißend, und hatte gar den so unendlich ersehnten Ausgang für alle, die sich den Bayern zugeneigt fühlten, was definitiv hierzulande ein überragend großer Prozentsatz sein dürfte – und als Autor schließt man sich gleich mit ein, denn nicht nur war vor und während dieser Saison längst schon die gewachsene internationale Wettbewerbsfähigkeit aller deutschen Mannschaften ausgemacht worden, die wirklich auf Augenhöhe mit Europas Spitzenteams agierten, sondern war eine, auf Geheiß des Computers, Wette auf das Weiterkommen der Bayern platziert worden, mit welcher man beliebig die Anhängerschaft erkaufen kann. Diese hatte jedoch noch weitere Gründe: selbst wenn Barca als beste Mannschaft Europas anerkannt, von vielen Seiten, aber zugleich von einem selbst, und sehr wohl bekannt ist, dass dieses Real Madrid glatte 7 Punkte vor Barca in der spanischen Primera Division auf Platz 1 liegt und gar das El Classico am letzten Sonnabend in der Höhle des Löwen, im Camp Nou, gewonnen wurde, inklusive der (fast sicheren) Meisterschaftsentscheidung, so war doch aus eigener Beobachtung, nicht nur im Hinspiel, festgestellt worden, dass es ein Rätsel ist, wie diese Tabellensituation in Spanien zustande gekommen sein mag.

Real Madrid konnte mit so gut wie gar nichts beeindrucken. Mag sein, dass die Bayern, auch im Hinspiel schon, das richtige Gegengift haben, dass Bayern Real liegt als Gegner, wie sogar die langjährige Bilanz der beiden zeigt, jedenfalls gab es eine ganz klare Abkehr von der Markteinschätzung, dass Real hier 1.67 (betfair vor Spielbeginn) Favorit sein sollte, allein auf die 90 Minuten. Selbst wenn dieses Ereignis sogar eingetreten ist: sie waren weit von einer derartigen Überlegenheit entfernt. Sofern man über die 90 Minuten von einem Spiel auf Augenhöhe spricht, dann tut man weit mehr den Bayern unrecht als Real Madrid. Es war eine Klasseleistung, von der 1 bis zur 11 (oder der 17 bis zur 93, falls gerade diese Rückennummern, die vergeben waren), und das über die gesamten am Ende 120 Minuten plus dem Elfmeterschießen, zu welchem einem ebenfalls nicht das kleinste bisschen Negatives einfällt.

Da müsste man doch nun aus der Sprecherkabine ein wenig Begeisterung, ein wenig Mitfiebern erwarten, den Zuschauer mit gekonnten Kommentaren hineinziehend ins Geschehen, so dass ihm, selbst wenn der Hausfrau grad der Herd überlaufen sollte, sie lieber dies geschehen ließe anstatt auch nur eine Sekunde dieses phantastischen Ereignisses zu verpassen?

Mitnichten, was der geübte Leser natürlich längst weiß, sofern er denn nicht selbst Ohrenzeuge des Obergurus der Reportergilde, Herrn („ich sagte ´Mein Herr´, aber ich meinte Sie“) Marcel Reif werden musste und damit, sofern er denn durchgehalten hat, ein dickes Kompliment verdient, denn es kam mal wieder reinen Folterqualen gleich, was man vernehmen musste, und das ab der 1. Minute.

Als Real die erste Chance gekonnt herausspielte, machte sich Entsetzen breit – was ja noch verständlich wäre – sofern es nicht von der unsinnigen Behauptung „so leicht darf man die Chancen nicht herschenken“ begleitet gewesen wäre. Überhaupt ist es im Reporterjargon – Marcel Reif als Urheber – üblich, bei jeder gelungen Aktion hinzuzufügen, dass „das zu einfach ging“. Absurd einfach, wünscht man sich denn den reinen Trumpf der Verteidigung? Das jeder Angriff einfach abgewehrt wird, denn, sobald ein Gegenspieler wirklich ausgespielt ist und der Angreifer damit 1 Meter 35 Platz sowie eine Zehntelsekunde Zeit gewonnen hat, bevor ihm der nächste auf den Füßen steht, muss man mit anhören, dass es „zu einfach“ geht und dass der „zu viel Platz hat“, danach ein „hat alle Zeit der Welt“.

Nein, es ist eine Tortur, für die auch die eigentlich längst angelegte Hornhaut keinen Schutz bietet. Als Xabi Alonso in den ersten 15 Minuten zwei Traumpässe über 40 Meter spielt, die von einer Flanke zur anderen wechseln und punktgenau zur Verarbeitung bereit beim Mitspieler landen, entfleucht Herrn Reif keineswegs ein Wort der Anerkennung, stattdessen heißt es: „Das ist genau das, was es zu verhindern gilt.“

Zwischendurch kommt Ronaldo zu einer Torchance. Dazu Marcel Reif: „Den Namen Ronaldo sollte man auch in München schon mal gehört haben.“ Man hat ihn gehört, Herr Reif, das sei versichert, nur hilft es gegen einen der Weltfußballer des Jahres Kandidaten ab und an nicht, dass man ihn kennt, er erarbeitet sich trotzdem eine Torchance, stellen Sie sich das mal vor! Eine Unverschämtheit ist es eigentlich, was er sagt, nur muckt hier keiner auf, weil alle diese Unverschämtheiten längst gewohnt sind, was noch der harmlosere Grund wäre. Der wahr Grund ist nämlich der: bei diesem unerträglichen Gefasel hört im wahrsten Sinne des Wortes auch längst schon kein Schwein mehr zu.

Es kam in der Anfangsviertelstunde zu fünf Hochkarätern. Natürlich war dies Herrn Reif absolut nicht recht, er hatte auf ein langweiliges 0:0 gehofft, ohne Torchancen hüben und drüben, muss man annehmen. Er sprach später davon, dass es „anarchisch“ war, das Spiel in dieser Phase. Natürlich bekamen die Bayern ohne Ende ihr Fett weg, da nämlich Real zwei der drei Chancen nutzte und Bayern keine der beiden Riesen, aber auch das ist längst schon Gewohnheit und es geht der normalen Zuschauer zum einen Ohr rein, zum anderen raus, nur wundert er sich zur Halbzeit über die angestauten Aggressionen, deren Ursache er noch nicht so genau kennt, die aber einfach zu erläutern sind: hier wird ihm das lang ersehnte Großereignis so pomadig gemacht, dass er einfach die Freude daran verliert, dabei ist doch eigentlich alles so schön?

Die meisten und größten Beschwerden kamen übrigens dadurch zustande, dass er die müden Kicker da unten, die in ihren aus seiner Sicht so lächerlichen Bemühungen verzweifelt versuchen, das Niveau ihres Idols, des dreimaligen Weltjahrtausendkickers der intergalaktischen Liga, des Herrn Marcel Reif zu erreichen und natürlich dabei nicht mehr ausrichten, als ein Hund, der den Mond anbellt, daran erinnern wollte, dass es sich hier um ein Halbfinale der Champions League handelt. Er möchte wohl darauf hinaus, dass es im Viertelfinale noch ein oder zwei Torchancen pro Team geben darf, aber doch bitte, Kinder (so sagt er immer), nicht in einem Halbfinale! Das geht nun wirklich zu weit.

Dabei schien er eigentlich darüber informiert zu sein, dass Real Madrid seine Stärken in der Offensive hat? Er kannte wohl so weit die Tabelle, um zu wissen, dass sie in 34 Ligaspielen unfassbare 109 Tore erzielt hätte, also in einer Anzahl, die der deutschen Gesamtzahl an Spielen entspricht, und dort zugleich einen Wert erzielt haben, den die Bayern selbst noch niemals in ihrer Liga erreicht haben?

Tja, ja, das wusste er wohl, nur schien er daraus die völlig falschen Schlüsse zu ziehen. Denn: er bezeichnete die Liga nicht etwa als ausgeglichen, nein, nein, sie wäre es ganz im Gegenteil, denn in Madrid hätten Mannschaften Tore erzielt – er wollte auf Reals miserable Defensive zu sprechen kommen – das glaubte man gar nicht. Um es für den Zuhörer plastisch zu machen, nannte er diesen einen Namen: „Getafe“.

Erinnern wollte man ihn nur ganz kurz daran, dass Spanien Rang 1 in der europäischen Rangliste eingenommen hat, mit klarem Vorsprung sogar (was nach seiner Ansicht wohl im Würfeln zustande gekommen sein muss, denn auf 1 gehört natürlich immer immer immer Deutschland und nur Deutschland allein, man merke), und das zugleich drei von vier Mannschaften in der Euroleague im Halbfinale stehen und das zugleich zwei von vier Teams im Halbfinale der Champions League aus Spanien kamen, selbst wenn Barca am Vorabend beinahe ein wenig tragisch ausgeschieden ist. Dennoch ist diese Art der Verhöhnung so dermaßen unangebracht, dass einem die Worte fehlen. Wünsche würde man sich (aber nicht etwa für Schalke oder Gladbach), dass in der nächsten Saison ein Spanier mal wieder nach Gelsenkirchen kommt, einer dieser underdogs aus der so unausgewogenen Liga, und denen mit einem weiteren 4:2 das Fell kräftig über die Ohren zieht, nur damit Marcel Reif bitte, bitte, bitte irgendwann einmal schweigen möge.

Auch der Wettmarkt hatte ja ziemlich eindeutig Stellung bezogen, was die Chancenverteilung vor dieser kompletten Halbfinalpaarung anging: Real war nun mal klarer Favorit, selbst wenn der Computer geringere Zweifel anmeldete.

Als Bayern in der zweiten Halbzeit unerhörterweise schon wieder hier oder da eine halbe Torchance zuließ, wuchs die Empörung in der Sprecherkabine. Nein, nach seiner Vorstellung hatte Bayern bei Real das Spiel von 1 bis 90 zu dominieren, oder wie meint er das? Die Bayern haben es so phantastisch gemacht, dass man nur den Hut ziehen muss, und zugleich ihnen Bewunderung dafür aussprechen darf. Real wusste übrigens, dass hier nicht das „Fallobst“ Getafe zu Gast war, und dass es bei einem Spielstand von 4:0 zwar noch immer nicht zu glauben ist, aber dass das einen Gegentörchen nun wirklich den Kohl nicht fett macht, während sie bei Bayern sehr wohl wussten, dass es sich um die schwarze Bestie handelte und zugleich, dass ein weiteres Gegentor das Aus bedeutet, dennoch kamen die Bayern zu Chancen, selbst wenn nur noch sehr sporadisch. Auch dieser Umstand war ihm natürlich nicht recht. Das war klaren Versäumnissen zuzuschreiben, und diese mussten auf den Punkt gebracht werden.

Also: als es viele Torchancen gab, wirklich toll heraus gespielte, beiderseits, war ihm das Spiel überhaupt nicht recht. Es war „anarchisch“ und wo man das Wohlwollen hernehmen soll, um das – abgesehen vom herablassenden Tonfall, der es unverkennbar macht – als positiv aufzufassen, möge er bei Gelegenheit erläutern. Als es aber weniger wurde mit den Torchancen und die Bayern „schon seit Ewigkeiten keinen Abschluss mehr hatten“, war es ihm kein bisschen mehr recht. Wie sollte das Spiel überhaupt laufen, damit er zufrieden wäre? Was denkt sich der Sender nur, wenn er bei der Installation des Sprechers diesen aufgeblasenen Affen auswählt?

Nein, es war die reine Katastrophe, ein Desaster, eine Verhöhnung jedes echten Freund des Fußballs, eine Bestrafung für jeden Abonnenten, der sich die Sportkanäle mitgebucht hat. Auch nach dem Spiel war übrigens bei ihm keinerlei Freude zu vernehmen. Es war eher so, dass bei der Beerdigungsfeier, die er besucht hat, die Leiche nun endlich unter der Erde war…

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