Die einen machen alle falsch – die anderen alles richtig

Hertha hatte also das ultimative (?!) Abstiegsendspiel. Das Spiel, auf welches sie schon lange ihre Hoffnungen gebaut haben, ein Spiel, dass man einfach gewinnen MUSS. In der Hauptstadt hatte sich dennoch schon ein Gefühl breit gemacht, dass eher einer gewissen Verzweiflung glich. Der Sieg musste zwar her, so viel war klar, aber es wirkte nicht nach bedingungsloser Unterstützung, es war nicht so, dass einem die Karten, so man denn welche hatte, aus der Hand gerissen wurde, dass die mit Sky ausgestatteten Lokalitäten überflutet waren, es war eher so, dass man diesen Sieg nun erst einmal einfahren musste, und sich dann der Fan vielleicht wieder bereitwillig mit der Hertha identifizieren wollte.

Möglich natürlich, dass dieser Druck, gepaart mit der ganz offensichtlichen Personalmisere, nicht gerade befreiend wirkte. Möglich aber auch, dass dieser Gegner, der 21 Spiele in Serie nicht gewonnen hatte und soeben, selbst bei eigenem Sieg, auf der Heimfahrt eher nur die Tränchen trocknen musste, da das Unvermeidbare geschehen war, ein wenig auf die leichte Schulter genommen wurde, dass man ihm nicht wirklich zutraute, in dem Zustand auch noch Widerstand zu leisten, dass man schlichtweg damit rechnete, dass er kampflos die Waffen niederlegen würde.

Dank an Lautern, dies keineswegs getan zu haben sondern einfach das, was ihr Job ist, was aber zugleich eine Leidenschaft und eine Selbstverständlichkeit ist, nämlich, dass sie einfach nur Fußball gespielt haben, mit dem Primärziel, das Runde ins Eckige zu befördern, ohne je auf Ergebnisverwaltung oder Punktjagd oder Auf- oder Abstieg oder sonstige so viel zitierte, aber so lächerliche „Saisonziele“ zu achten. Da ist der Ball, den wollen wir haben, wenn wir ihn haben, geht er zum best platzierten Mitspieler, von diesem zum nächsten, und sobald sich eine Schusschance ergibt, wird gefeuert, umgekehrt wird in der Abwehr versucht, den Gegner am Tore schießen zu hindern, indem man sich, nach Möglichkeit sportlich fair, in der Kunst der Verteidigung übt. So ist es richtig, so macht Fußball Spaß. Was sollen nur diese permanenten, meist von außen aufgebauten Drucksituationen, mit denen die Spieler nun nur die Chance erhalten, den Fan entweder gerade so zufrieden zu stellen oder alternativ ihn übel zu enttäuschen oder gar zu verprellen, wenn man denn den Medien Glauben schenkt?

Jedenfalls hat Kaiserslautern einfach Fußball gespielt so gut sie es konnten. Hertha hat nur einen Gedanken gehabt: wie halten wir die Klasse, NACHDEM wir dieses Spiel gewonnen haben? Sie waren gelähmt, sie haben nicht frei gespielt, die Pflicht war nicht zu erfüllen, nicht auf diese Art, nicht mit den bereits frühzeitig bei jeder misslungenen Aktion kräftig pfeifenden Fans, die ebenfalls Kaiserslautern nur als Fallobst angesehen haben, dazu ebenfalls von den Medien gedrängt.

So spielte Kaiserslautern also Fußball und Hertha krampfte. Worum soll es nun aber wirklich an dieser Stelle gehen? Natürlich, um die Berichterstattung. Denn zur Halbzeit musste man dies erfahren:

Lautern macht alles richtig – Hertha alles falsch.“

Was soll diese „Analyse“ bringen? Es war übrigens das einzige Spiel, in welchem es überhaupt Tore gab bis zur Pause, und zwar genau 2, beide für das Auswärtsteam. Nun, wenn man so etwas sagt als Sprecher, dann ist es vermutlich so, dass man sich absolut sicher fühlt. Denn bei einer solchen Aussage kann ja schwerlich jemand etwas einwenden. Natürlich kommt es der Verlesung des Ergebnisses gleich, denn Hertha – Kaiserslautern 0:2 würde nicht weniger tief blicken lassen als dieser Kommentar.

Nun sollte ja der Anspruch eines Reporters dieser sein, Erhellung zu schaffen, dem Zuschauer ein besseres Bild zu liefern, als es der Blick auf die Ergebnistafel einbringt. Nur entfernt man sich davon immer weiter. Jedes Ergebnis spricht für sich, so meint man, denn, wie in letzter Zeit auch Kaiser Franz bei seinen völlig überflüssigen Auftritten bei Sky betont, gibt es kein Glück im Fußball und verdient gewinnt jeder, der ein Tor mehr erzielt als der Gegner. Beckenbauer ist also fast als Vorreiter anzusehen und, wenn man ganz ehrlich sein soll, dann ist der eigene Eindruck der, dass er sich eigentlich weder für Fußball interessiert noch für das, was er sagt, weil er nämlich der Kaiser ist, und dem Kaiser sogar egal sein kann, was er anzieht, weil es automatisch Mode wird, selbst wenn er nackt ist. Es tut mir leid, Sky, dies an dieser Stelle so aussprechen zu müssen: der Kaiser ist ein Auslaufmodell … und wurde in Deutschland vor bald 150 Jahren abgeschafft. Das gilt auch für den Franzl… („Franz Beckenbauer nennt sei Schwanzl – beim Vorspiel „Kaiser“, nachher „Franzl“).

Das Problem ist auch nicht allein, dass eine derartige Analyse aufgrund des Kaisers Vorgabe keiner weiteren Kommentierung bedarf (0:2 steht es, weil die 2 Mal getroffen haben und die kein mal, mehr gibt es nicht zu sagen. Verdient? Na, verdient ist es ja gerade deshalb.). Das Problem, was man wohl nicht zu erkennen scheint ist dieses, dass beide geschilderten Beobachtungen zeitgleich keinen Sinn mehr ergeben.

Wenn also Lautern alles richtig gemacht hat, dann wird es irrelevant, was Hertha getan hat. Man hat bereits herausgearbeitet (man meint es natürlich nur), was die Ursache für diese Führung ist. Wenn Lautern alles richtig macht, dann sind sie ja quasi der FC Bayern oder auch Real Madrid. Und diese dürften doch sicher mit 2:0 führen – wie es Bayern übrigens jüngst bald noch viel deutlicher tat? Was hat das nun mit Hertha zu tun?

Wenn man annimmt, dass Lautern alles richtig macht und dazu kommt, dass Hertha alles falsch macht, entschuldigen Sie, Herr Kommentator, dann dürfte man doch eigentlich ein anderes Ergebnis als ein 0:2 erwarten, so etwa ab 0:5? Es bringt einfach nichts, rein gar nichts, nur fühlt sich ein Mann damit noch schlau, ohne zu merken, dass er eigentlich der Dümmste ist.

Diese Tendenz ist so schockierend, weil der gesamte Fußballverstand sich auf reine Ergebniskenntnis zu reduzieren scheint und jeder, der dieses Ergebnis kennt (ab und an kommt die Kenntnis der Tabelle hinzu, die nun wirklich unter gar keinen Umständen mehr lügen kann, man frage Kaiser Franz dazu), ist ein wahrer Experte. Er muss nur noch hinzufügen, dass es „absolut verdient“ ist, und schon sind ihm die Lorbeeren sicher, so meint er. Dem Zuschauer enthält man damit so ziemlich alles vor – oder man lässt ihn mit den Ergebnissen alleine, welcher er auch ohne dümmliche Zusätze lesen könnte.

So hat sich gleichfalls in letzter Zeit die Aufreihung von Fehlleistungen zum Standardkommentar herauskristallisiert. Das geht so: ein Spiel steht 1:0. Es steht schon seit 20 Minuten 1:0. Der Schlusspfiff rückt in dem Sinne näher, dass man die 60. Minute erreicht. Allmählich nähert man sich dem Fazit an, in der Sprecherkabine. Jetzt werden Gründe für diesen Spielstand angeführt. Diese türmen sich allmählich zu Lasten der zurückliegenden Mannschaft auf. „Das ist zu wenig nach vorne, da fehlt die Bewegung, da fehlen die Anspielstationen, bei Standards keine Torgefahr, die Kreativität aus dem Mittelfeld, der letzte Pass kommt nicht an, zu viele Fehler im Spielaufbau, in der Abwehr oftmals unkonzentriert und wenn sich mal eine Chance ergibt, dann kommt auch noch die Abschlussschwäche hinzu.“

Nun könnte man diesen Satz, so wie er da steht, entweder, wenn man denn Lust hat, als angehender Kommentator, bei dem Spielstand (es darf auch 2:0 sein) nach Belieben vorher aufnehmen und dann während des Spiels abspielen, oder aber auf ihn warten, denn in dieser oder jener Form wird er einem im nächsten derartigen Spiel zu Ohren kommen – dann darf man getrost mit ihnen schlackern ob der prophetischen Fähigkeiten des Autoren. Es ist der reine Unsinn und mit jeder weiterführenden Auflistung verwischt er jeglichen Ansatz einer wahren Beobachtungsgabe, eines wahren (möglichen) Fußball Verstandes, da nämlich jeder weitere Punkt in Wahrheit die Kompetenz verringert und nicht, wie er meint, sie vergrößert. Es kommt nichts mehr dabei heraus. Wie es Tucholsky einst über die Essayisten sagte, deren „Sprache, so aufgeblasen wie ein Luftballon, ein Stich mit der Nadel der Vernunft hinein und es bleibt nichts als ein Häuflein schlechter Grammatik“ sei. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

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