Reportage Highlights: 3) Die technischen Fähigkeiten

Eine absolut unfassbare Unverschämtheit erlaubte sich wieder einmal der König höchstpersönlich, Marcel Reif nämlich, als er in der Partie Bayern gegen Real – alle Leckerbissen gehen an ihn, chapeau für Sky, ihn immer dann einzusetzen, wenn es Neukunden zu gewinnen gäbe, denn diesen Effekt gilt es tunlichst, zu vermeiden — nach 20 Sekunden einen langen Ball von Luiz Gustavo, der den Mitspieler nicht erreichte so kommentierte: „Dafür reichen die technischen Fähigkeiten des Luiz Gustavo nicht aus.“

Es gibt übrigens eine mittlerweile längst bewährte Methode, wie man mit diesen Tiefschlägen umgeht, und der Tipp geht an jeden, der sein Abo noch nicht gekündigt hat: Punching Ball rausholen, Gesicht aufkleben, und immer feste druff. Das erleichtert ungemein. Die Gefahr ist allein darin zu sehen, dass man eines Tages diesem Menschen leibhaftig gegenüber steht. Dann sollte man ihn nach Möglichkeit nicht plötzlich mit dem Punching Ball verwechseln…

Was erlaube Reif? Ein Henker hat vermutlich weit mehr Nachsicht mit seinem Opfer als er. Es ist Champions League, es ist Halbfinale, das Spiel hat gerade begonnen, noch weiß keiner, wo er steht, wie der Gegner eingestellt, wie man selbst drauf ist, wie das Publikum reagiert. Es wäre nur menschlich und weit mehr als völlig normal, wenn man den ersten riskanten Ball nicht gleich perfekt trifft. Natürlich möchte man es auch nicht, auch nicht diesen einen einzigen Fehlpass spielen, nur hat man sich für das Risiko entschieden, es kann sein, dass man dem Gegner Eindruck macht, dass man mit einer gelungenen Aktion sofort Selbstvertrauen tankt, dass man womöglich gar mit dem gekonnten Flügelwechsel eine Toraktion einleitet, vielleicht mit Abschluss, und im Träume sogar mit einem erfolgreichen. Kann man denn da einem Spieler nicht zugestehen, dass der Ball bei diesem ersten Versuch nicht ankommt?

Herr (Un-)Reif kann nicht. Nur ist es mit Unnachsichtigkeit noch längst nicht getan. Wenn man nun sagen würde (als gequälter Zuschauer zu hören bekäme), dass es ein ganz schwacher Ball war oder, dass man doch nicht gleich einen Fehlpass spielen muss, in der 1. Minute oder, dass es ein Fehler war, den Ball zu versuchen, weil er zu schwierig war oder was auch immer, es aber zumindest bei einer (noch immer weitaus unangebrachten) Kritik an dieser einen Aktion belassen würde. Nein, es muss gleich der ganze Spieler sein Fett weg bekommen und nicht gerade wenig davon, vor allem aber unberechtigt, fatal falsch, irrig, idiotisch, hirnrissig.

Luiz Gustavo hat – so wie jeder andere dort unten auf dem Platz und jeder andere im Dress der Bayern – herausragende technische Fähigkeiten. Dies ist ein Fakt. Es würde niemals vorkommen, dass ein Spieler ausgewählt, dessen technische Fähigkeiten erkennbar abfallen, selbst wenn es unterschiedliche Spielertypen gibt und diese auch, teilweise bewusst, bei Spitzenteams ausgewählt und aufgestellt werden. Es wird sicher immer den Balleroberer, den Manndecker, den Spielgestalter und den Torjäger geben, es wird das Kampfschwein geben und den Mozart, den langen Lulatsch, der die Kopfbälle hinten rausbefördert oder jener, der sie vorne versenkt. Aber eins wird garantiert im heutigen Fußball immer als Grundvoraussetzung gelten, speziell bei den Topteams: die technischen Fähigkeiten müssen herausragend sein, sonst fände man mit Sicherheit einen, der alle anderen Fähigkeiten und Eigenschaften mitbrächte, und zugleich die technische Befähigung.

Luiz Gustavo hat übrigens im Verlaufe des Spiels, der erhöhten Aufmerksamkeit des Autoren zu verdanken, die durch diesen schändlichen Satz ausgelöst wurde, diese herausragenden Fähigkeiten bewiesen, wie übrigens alle anderen Spieler des FC Bayern auch, die ein phantastisches Spiel abgeliefert haben. Eine Entschuldigung an ihn kam zu keinem einzigen Zeitpunkt, was nun wirklich das Mindeste gewesen wäre, obwohl es keinerlei Neigung gibt, ihm, den Chefreporter, diese fürchterliche Entgleisung nachzusehen. Abgesehen davon bleibt immer die Frage im Raum: wer soll da zuschauen und dieses Gequassel mit anhören? Womit meint man, die Zuschauer zu fesseln, zu faszinieren, zu begeistern? Mit derartigen Aussagen vielleicht? Das nennt man bekanntlich einen „Schuss in den Ofen“.

Einen weiteren überaus peinlichen Satz musste man übrigens auch noch mit anhören (und hier nun nachlesen, im Gegensatz zu den vielen aufgesparten Dummheiten und Peinlichkeiten, die nicht erwähnt werden). Nach ein paar Minuten wurde Trainer Heynckes eingeblendet an der Seitenlinie. Marcel Reif fühlte sich bemüßigt, etwas ihn einbeziehend zu sagen. Dabei kam dieses heraus:

Einen Sieg zu Null verlangt er von seiner Mannschaft, nicht mehr, aber auch nicht weniger.“

Ganz sicher ist, dass er gar nichts verlangt hat von seiner Mannschaft und schon gar kein bestimmtes Endergebnis. Er versteht nämlich, im Gegensatz zu dem Labersack, wie der Fußball funktioniert. Eines weiß er ganz sicher: Real Madrid hat seine größten Stärken in der Offensive. Und ziemlich sicher weiß er, dass es einen Schuss auf das bayerische Tor geben wird. Falls dieser nun präzise und hart genug ist – abgesehen von allen anderen Möglichkeiten des Einschlags –, so könnte es ein Gegentor geben. „Verlangen“, dass dies nicht passiert, wird er garantiert nicht.

Er wird versucht haben, sein Team so gut wie möglich einzustellen, und damit so viele eigene Chancen zu kreieren wie möglich, zugleich dem Gegner möglichst wenige gestatten. Sehen würde er am liebsten, dass sich sein Team gegen den als überlegen anerkannten Gegner – mehr Champions League Titel, Spitzenreiter in Spanien, der Liga, welche nun einmal die Nummer 1 in Europa ist und dessen Land sogar Welt- und Europameister ist; der Wettmarkt hat das auch so gesehen – auf Augenhöhe zeigen kann, dass man gut mithalten kann und dass man, selbst wenn das Ausscheiden eintreten sollte, welches man einkalkulieren muss, man mit sich und seiner Einstellung zufrieden sein kann, vielleicht auf das kleine bisschen ausgebliebene Glück verweisen kann, welches in dieser Szene das eine Tor hätte ergeben oder verhindern können, welches den Unterschied gemacht hat oder hätte. Das sind die Hoffnungen, Vorgaben und Erwartungen, möglichst kurz und knapp und möglichst authentisch zusammengefasst.

Einen Traum hatten alle, kollektiv, wie man vorab schon hören konnte: Am schönsten wäre ein Sieg ohne Gegentor. Ganz klar ist, dass Heynckes einen beliebigen Sieg sofort unterzeichnet hätte, wenn er nicht auch die Freude an dem Spiel Fußball hätte und so lieber ein Spiel sehen wollte, selbst wenn es denn verloren ginge.

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