Die Kreisklasse an der Champions League

Jeder Freund des Fußballs hatte am Mittwochabend Anlass, sich auf ein richtig tolles Spiel zu freuen. Der FC Barcelona war im Einsatz – und da MUSS man sich nicht nur freuen, sondern man MUSS auch hinschauen. Weil das moderner Zirkus ist, weil das die höchste Schule ist, weil es Kunst ist und weil es zugleich Erfolg bringt. Hier wird der Körper nicht nur zur Zweikampfführung eingesetzt, hier wird mit höchstem Geschick verteidigt, hier wird ausschließlich mit Eleganz agiert und phantastische Spielzüge inklusive Torszenen sind garantiert.

Der Gegner war der AC Mailand. Nun fällt einem ausgesprochen wenig Schlechtes zu diesem Namen ein. Ein Verein, der über die vielen Jahre nicht für Skandale sorgte, der seine eigene Philosophie vom Fußball hat und der beständig auf dem allerhöchsten Niveau agiert, mit etlichen Titelgewinnen, welche regelmäßig hier oder dort eingefahren werden. Auch das Publikum hat sich stets vorbildlich verhalten und, wie man erfuhr, waren sich die Fans der beiden Teams vor der Partie freundschaftlich begegnet, was absolut ins Bild passt. Faire Sportler auf dem Feld, faire Fans auf den Tribünen. Wenn alle Spiele so wären, dann wäre dem Fußball sehr wohl in jeder Hinsicht gedient.

Wenn man nun das zweifelhafte Vergnügen hat, dieses Spiel beim Sender „Sky“ live zu verfolgen und so dumm ist, dazu den Live Kommentar eines deutschen Sprechers (ja, man hatte die Wahl, dem Italiener zu lauschen, was einem definitiv, ob man es versteht oder nicht, niemals die Laune und den Spaß am Spiel verderben könnte), dann kann man ganz sicher sein, dass man spätestens zur Halbzeit rasch mal in den Keller muss, um seinen Punching-Ball zu malträtieren, da der Sprecher nämlich bedauerlicherweise nicht dafür zur Verfügung steht.

Was dieser Herr aus einem derartig brillanten Fußballspiel macht, ist mit „Haar sträubend“ verschonend mild umschrieben. Es ist eine reine Katastrophe. Es ist ausgeschlossen, dass jemand diesem Gesabbel zuhört. Es gibt nichts daran, was einen Sinn ergibt. Es ist eine Geschichte, die er erzählt, die von vorne bis hinten keinen Sinn ergibt, aber die, selbst wenn sie einen ergäbe, kein Mensch hören wollte, da es nämlich eine total langweilige Geschichte ist, im entsprechenden Tonfall vorgetragen.

Das Spiel begann mit zwei wirklich glänzenden Chancen auf beiden Seiten. Das erste Mal war Robinho sicher wirklich ein klein wenig überrascht, so frei und so dicht vorm Tor zum Schuss zu kommen – er traf den Ball nicht perfekt und der Volley ging drüber. Auf der anderen Seite spielte sich Barca mit diesen unfassbar präzisen, auf engstem Raum durchgeführten Kurzpassspiel durch, jedoch kam der Torwart gerade rechtzeitig heraus, um die Chance zu vereiteln, der Ball rollte am Tor vorbei, es gab Eckball.

Wenn man nun damit nicht zufrieden ist als Sprecher, dann bitte, darf doch zumindest die Frage erlaubt sein, was für ein Spiel er sich erhofft hat? Von Freude am Spiel ist eh niemals, bei keinem dieser Quatschköpfe, etwas zu spüren, die empfinden sie einfach nicht, da kann auflaufen wer will und spielen wie er will. Begeisterung gibt es schon gar nicht. Häme und Abfälligkeit, Fehlersuche und lächerlich, verfehlte „Analysen“ sowie Verallgemeinerungen sind an der Tagesordnung. Und selbst wenn ab und an mal ein „das ist ein gutes Spiel“ herausrutschen sollte, dann ist dies nicht etwa die Art, wie man Freude zum Ausdruck bringt oder wie man den Zuschauer mit ins Geschehen hineinzieht. Wenn es nämlich ein wirklich rasantes, gutes, spannendes Spiel ist, dann entfiele die Notwendigkeit, auf dieses hinzuweisen sondern man zöge den Zuschauer durch die vermittelte Begeisterung hinein, Sprecher und Zuhörer kämen gar nicht dazu, sich die Frage zu stellen, ob gut oder nicht, man ist einfach die ganze Zeit in den Bann gezogen, nur schüttelte man sich allseits nach dem Spiel kurz und wäre feststellen: „Wow, das war ja irre, das hat vielleicht einen Spaß gemacht.“

Nach 9 Minuten Spielzeit und einem erfreulich nicht nur fair geführten, sondern mit Chancen ausgestatteten Spiel von den Besten der Besten teilt er den ersten Schlag in die Magengrube aus, den man ihn so gerne zur Pause zurückgeben möchte. Urplötzlich heißt es – natürlich im gleichen, sich nie ändernden, seiernden Tonfall — : „Auffällig die vielen Fehler und Unzulänglichkeiten, auf beiden Seiten.“ Rumms, der saß, oder?

Was faselst du da? Was ist denn mit dir los? Hast du den Schuss nicht gehört? Die Frage muss sich aber anschließen: wer drückt denn derart debilen und zugleich bösartigen Menschen ein Mikrofon in die Hand? Wie kann man auf einen solchen Irrsinn, von der Aussage her kommen? Aus welcher Position heraus tut man es, welche Absicht läge dahinter? Und, an dieser Stelle mal eine wirklich brisante Frage, die man eigentlich fast mehr an den Leser richtet, zum Nachdenken: das Spiel wird doch sicher in über 100 Länder übertragen, in vielleicht bald ebenso vielen Sprachen (sagen wir, der Hälfte). Wie viele der Kommentatoren sind denn zu diesem Zeitpunkt zu der identisch gleichen Erkenntnis gekommen? Und, da man die Antwort darauf zu kennen glaubt, die da nur lauten kann: „KEIN EINZIGER.“, schließt man diese an: warum meint ein deutscher Sprecher etwas erkennen zu können, was kein anderer auf der Welt erkennt? Was erhebt ihn in diese Position?

AN den Sender könnte man zugleich diese Frage richten: glaubt man, dass, selbst wenn diese Erkenntnis der Wahrheit nahe käme, dass dieses Spiel mit Unzulänglichkeiten und Fehlern gespickt ist, dass dann die Einschaltquoten rasant in die Höhe schnellen? Es ist so falsch, alles daran ist falsch, verdreht, irrwitzig. Das Bild eines sich selbst das Grab schaufelnden ist zwar ein hübsches (so tragisch es auch sein mag), nur erscheint es viel zu seicht in diesem Zusammenhang.

Nur um noch ein paar Beispiele für die Hinrichtung zu geben, die er mit diesem Spiel vorgenommen hat: angeblich hatte Milan die besseren Torchancen, weil sie zwei Mal, eher durch Zufall, recht frei vor dem gegnerischen Tor auftauchten (Robinho, Ibrahimovic). Nur hatte Barca immer wieder gezeigt, wie schnell sie sich durchkombinieren können. Mag sein, dass er die Elfmetersituation – da er sie abschlägig, wie der Schiri, beschied, während in der Halbzeitzusammenfassung der alternative Sprecher der Konferenz dies als „klares Foul“ bezeichnete – nicht als Torchance wertete und die vielen Ansätze von Chancen, in denen es nicht zum Torschuss kam, es aber erkennbar lichterloh brannte, ebenfalls großzügig überging, aber Milan als näher dran am Tor zu bezeichnen war schlichtweg absurd.

Überhaupt geht er von Voraussetzungen aus, dies unausgesprochen, von denen man einfach nicht ausgehen kann. Milan ist auf Platz 1 in Italien und hat schon etliche Champions League Titel gewonnen. Denkt er denn nun, dass dies in „walk-over“ für Barca würde, nur weil diese Leverkusen – im eigenen Stadion in einer Sternstunde – zerlegt haben, dass Milan wie die heurigen Hasen umherhüpfen würden und sich willenlos abschlachten oder ergeben würden? Der Wettmarkt hat sein Urteil gesprochen. Dort wurde Barca mit etwa 1.80 gehandelt, was in etwa 55% Siegchance entspricht. Dies ist aber noch lange keine Einbahnstraße, bei welcher sozusagen nur die Höhe des Sieges diskutiert wird.

Man spürt natürlich, dass Barca hier der Favorit ist, dies sogar im Auswärtsspiel, aber 55% sind nur 55% (der Computer schätzte es übrigens auf exakt 50% ein; man hätte gar am Wettmarkt ein „Lay Barca“ probieren sollen, nach seiner Ansicht, und man hätte gar gewonnen). Da kann vieles passieren, ein anderer Ausgang als ein Sieg Barcas ist genauso wahrscheinlich (laut Computer; Wettmarkt nicht ganz). Wenn man dies zumindest wüsste als Sprecher, hätte man vielleicht schon die Chance, etwas Vernünftige(re)s zu sagen. Er schien immer wieder verblüfft, dass Barca nicht pro Minute zu einer Torchance kam.

Ganz absurd übrigens diese „Analyse“: „Barca ist nicht so dominant wie sonst in der Champions League. Im Schnitt haben sie nämlich in allen Spielen bisher über 70% Ballbesitz, heute bisher nur 66%.“ Tja, auch hier hätte er alle Erfordernisse für eine Einweisung erfüllt. Bei den über 70% sind schon mal alle Heimspiele dabei, in denen sie natürlich noch mehr Ballbesitz haben. Dazu waren die Gruppenspiele gegen teilweise viel schwächere Gegner dabei (beispielsweise Viktoria Pilsen). Was soll dieser Unsinn, was er da erzählt? 66% sind einfach nur gigantisch, das im fremden Stadion bei einem der absoluten Schwergewichte der Champions League.

Die sinnlose Geschichte wurde immer weiter fortgesetzt. Als Barca etwa Mitte der zweiten Hälfte noch immer nicht führte, und Milan seinerseits zu ein paar beinahe wirklich guten Aktionen kam, meinte er, dass Milan die Taktik bisher gut eingehalten hat und es „eigentlich ganz gut gebacken kriegt bis hierher.“ (Häme ist immer dabei, Anerkennung, ernste, aufrichtige Bewunderung sowieso nicht, Freude nicht im Entferntesten, und Abfälligkeit allgegenwärtig, die sich allein schon in der Wortwahl zu erkennen gibt).

Als Barca dann kurze Zeit später für ein paar Szenen wieder das eigene Spiel gekonnt aufzog und den Gegner damit nach und nach zurückdrängte kam dieser absurde Querschuss seinerseits: „Milan viel zu passiv in dieser Phase.“ Rumms, der zweite, der war aber diesmal deutlich unterhalb der Gürtellinie.

Es ist ein so unfassbares, unerträgliches Geseire ohne jeden Sinn und Verstand und ohne jede Anteilnahme vorgetragen, dass man sich ernsthaft nicht vorstellen kann, dass je einer der für den Sender Verantwortlichen sich das schon einmal angetan hat. Nein, das KANN MAN DEFINITIV NICHT ERTRAGEN.

Bedauern sollte man höchstens, dass es ein so wunderschönes Spiel ist, der Fußball, und dass es einem so Abend für Abend verleidet wird von solchen Holzköpfen, von denen die Hauptverantwortlichen natürlich die Macher sind, nicht die Sprecher selbst, obwohl zwar Dummheit keine Sünde ist, hingegen Borniertheit, Arroganz, Häme und Abfälligkeit schon sehr in diese Richtung gehen könnten. Wenn wenigstens ab und an mal EIN SATZ in einer Analyse richtig wäre. Aber auch das kommt nicht vor…

Die Kreisklasse ist nicht etwa das Spiel, welches er uns als ein solches Potpourri der Unzulänglichkeiten verkaufen möchte (nein, ER möchte nun wirklich NICHT verkaufen, er möchte einen zum Abschalten zwingen), nein, die Kreisklasse sitzt in der Sprecherkabine.

Ein Kommentar zu “Die Kreisklasse an der Champions League

  1. Uwe sagt:

    Man dies sieht ja toll aus. Top gemacht.

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