Gesehenes am 25. Spieltag

Die 1. Bundesliga

Rückblick auf die Spiele

Ergebnisse des 25. Spieltages

VfB Stuttgart – 1. FC Kaiserslautern 0:0
VfL Wolfsburg – Bayer Leverkusen 3:2 (2:1)
1. FC Köln – Hertha BSC 1:0 (1:0)
FSV Mainz 05 – 1. FC Nürnberg 2:1 (2:0)
FC Bayern München – TSG Hoffenheim 7:1 (5:0)
Borussia Mönchengladbach – SC Freiburg 0:0
FC Augsburg – Borussia Dortmund 0:0
Werder Bremen – Hannover 96 3:0 (1:0)
FC Schalke 04 – Hamburger SV 3:1 (3:1)

Ein paar Beobachtungen:
1) Zwei Abseitstore?!

Am Wochenende gab es natürlich wieder eine Reihe diskutabler Entscheidungen. Man scheint es wohl nicht zu begreifen, dass diese in aller Regel gegen die angreifende Partei ausfallen und somit den Effekt erzielen, gegen das Salz in der Suppe, nämlich die Tore, gerichtet sind. Falls man sich allgemein etwas lockern würde – so die hier beständig wiederholte Aussage – würde ja zwangsläufig auch die Bedeutung eines einzelnen Tores abnehmen, so dass man es folgerichtig auch leichter anerkennen könnte. Ein sich  fortpflanzender Effekt sozusagen, welcher den Geist des Spieles, Spannung und Tore, fördern könnte.

Die mittlere Wartezeit auf ein Tor liegt bei deutlich über 30 Minuten, bei derzeitiger Regelauslegung, und dies, so die feste Überzeugung, kann man bestenfalls den Fans der auflaufenden Teams zumuten, nicht aber einem neutralen Zuschauer. Bevor die 30 Minuten vergangen sind, ist der Neutrale nämlich schon eingeschlafen oder schaut die Sendung mit der Maus, weil diese wesentlich mehr Unterhaltungsmomente zu bieten hat.

Der Grund für die klamme Regelauslegung ist auch längst ausgemacht und quasi in der obigen Erklärung enthalten: die Bedeutung eines einzelnen Tores wird als so gewaltig empfunden, dass man sich lieber dagegen entscheidet. Und DIESER Effekt greift ebenfalls um sich, weit mehr als es eine Seuche in der Lage wäre zu tun. Die Medien, ohnehin mit jeder Menge Unsensibilität gesegnet (oder war es verflucht?) hätten natürlich, bei richtiger Setzung des Fokusses, die Chance, ihren Einfluss geltend zu machen, indem sie jene Entscheidungen in den Vordergrund rückten, die ein Tor fälschlicherweise verhindert haben, anstatt auch noch jene wenigen anzuprangern, die einmal ein Tor, möglicherweise bei ganz genauem Hinsehen nicht völlig regelkonform, zugelassen haben, und mit jenem tagelang jede Menge Seiten zu füllen, hingegen die parallel stattfindenden, kein bisschen minder großen Ungerechtigkeiten von gleich (in etwa) sieben  Fehlentscheidungen entgegen der Tore großzügig zu ignorieren.

Damit wird den Schiedsrichtern – der Folgeeffekt, früher auch mal in dieser Form als eine Art „Teufelskreis“ bezeichnet – permanent die Chance eingeräumt, in der Zukunft bei  „kritischen“ Entscheidungen (ja, kritisch ist es, wenn ein Stürmer im Fünfmeterraum nur steht und auf den Ball wartet, der Torwart sich in Kamikazemanier auf ihn und den  irgendwo dort erwarteten Ball hechtet, dabei dem Angreifer ein paar Zähne ausschlägt, selbst mit einem leichten, nur seiner im Sturz zu verdankenden Geschicklichkeit, Pferdekuss davon kommt, welchen er dem Schiedsrichter aber zeigt, um auf das rüde Einsteigen aufmerksam zu machen, während der Stürmer blutend am Boden liegt und noch lange nicht in der Lage wäre, sich zu fragen, was er falsch gemacht haben könnte, außer, die generelle Frechheit zu besitzen, sich in Tornähe aufzuhalten und womöglich, Traum oder Wirklichkeit, ein Tor erzielen zu können; das kritische daran? Gibt es nun Gelb oder Rot für den Stürmer, was er, allmählich zu Bewusstsein kommend, im Krankenhaus erfährt) noch energischer gegen die Stürmer zu entscheiden. Alle spielen hervorragend Doppelpass und sind sich offensichtlich einig, dass der Gipfel des Fußball Dramas sich in einem 0:0 (wie am Wochenende drei Mal geschehen) widerspiegelt,  wonach sich — worüber sollte man auch sonst berichten? — die gegnerischen Fangruppen die Köpfe einschlagen, weil alle so gefrustet sind von den, beide Teams gleichermaßen betreffenden, nur erspürten, unartikulierten Ungerechtigkeiten, die sich in Gewalt ausdrücken.

Am Wochenende war diese Beobachtung – nur exemplarisch – in den beiden
„Abseitstoren“ abgebildet. Das erste war jenes, welches der 1. FC Köln gegen Hertha erzielte. Auch im Sport 1 Doppelpass kamen die Experten zu der Erkenntnis, dass DIESES Tor nicht regulär war. Nun, selbst wenn dies von den Regeln gedeckt wäre, so wäre immer noch anzumerken, dass der falsche Fokus gesetzt wird, da man mal wieder diese
Entscheidung herausgepickt hat, und einer Reihe anderer, ebenso falscher, aber eben entgegen der Angreifer gerichteten, zu übergehen. Dennoch kann man auch die  Erkenntnis, dass das Kölner Tor Abseits war – derzeitige Regelparagraphen hin oder her, hier wird mit gesundem Menschenverstand argumentiert – gerne einmal genauer unter die Lupe nehmen.

Was war also geschehen, wie kam das Tor zustande? Viele Kölner nach einem Eckball im Strafraum. Es kommt wirklich einer von ihnen an den Ball (eine Seltenheit; wenn man sich fragt, wieso, fällt die Antwort einfach aus: es liegt nicht daran, dass die  Abwehrspieler in Überzahl oder dass sie robuster sind, Kopfball stärker, nein, es liegt vor allem daran, dass sie Zerren, Ziehen, Schubsen, Schieben dürfen, worauf es bestenfalls mit einer Chancen von 1 zu 1000 einen Elfmeter gibt, während die Angreifer bereits beim Luft holen zu viel gemacht haben, geschweige denn, dass sie, in der oben erwähnten schändlichen Absicht, ein Tor zu erzielen, sich mit den gleichen Mitteln zur Wehr setzen; da gibt es nur ein Urteil: Stürmerfoul; und wenn der Schiri gar nichts gesehen hat, dann pfeift er noch immer, mit einer Chance von etwa 1 zu 2, ab, wenn der Ball in der Luft ist, weil: da wird schon irgendwas gewesen sein). Dieser köpft den Ball nach vorne. Vor dem
Tor steht tatsächlich in dem Moment ein Angreifer im Abseits, wie die Widerholung belegt. Nur ist es so hauchdünn, dass man, aufgrund der Regel „Im Zweifel FÜR die Angreifer“ dies auch locker durchgehen lassen könnte, ohne es gleich als „Fehler“ hinzustellen, jedoch ist weder zu erkennen, dass der den Ball köpfende Spieler ihn  überhaupt zu dem Abseits stehenden köpfen wollten, noch kommt dieser auch nur je in die Nähe des Balles, weil dieser nämlich, von der vielbeinigen (und –köpfigen) Abwehr längst vor ihm geklärt wird. Nur wird er etwas zu kurz geklärt, an die Strafraumgrenze, in Außenposition, kommt ein anderer Kölner an den Ball, spielt ihn direkt zum Torschützen ab, welcher mit einem tollen Schuss in den Winkel – laut Thomas Strunz „musste der Keeper den haben“; lächerlich – das 1:0, und damit die Entscheidung erzielte.

Wenn man dies nun tatsächlich als „Abseits“ auslegen sollte – wie sich ja die Experten offensichtlich einig waren –, dann ist dies jedenfalls mehr als fragwürdig, so die hier vertretene Ansicht, mit all den oben dargestellten Konsequenzen. Es gäbe bei jedem Angriff die Möglichkeit, sofern nur, egal, ob angespielt oder nicht, ein Spieler für eine Zehntelsekunde im Abseits stünde, diesen zu unterbinden, weil, so ein vielfach verwendetes Argument (aber erst in letzter Zeit), der Abseits stehende Spieler ja durch seine pure Anwesenheit bereits die Verteidigung irritiert. Was verwundert ist vor allem dies: wenn es vor 30 Jahren eine vergleichbare Szene gab, dann hätte man sich über ein Tor gefreut (außer den paar Herthanern), man hätte es auch nicht ansatzweise für erforderlich gehalten, über eine Abseitsposition nachzudenken oder überhaupt  irgendeine Regelverletzung, aber falls man es doch getan hätte, so ausgesprochen wohlwollend für den Schiri oder es als Auslegungssache hingestellt, die in diesem Falle mit einer mehr als logischen Begründung zugunsten der angreifenden Partei ausgefallen wäre, aber niemals wäre irgendjemand auf den Gedanken gekommen, das Argument zu verwenden, dass ein im Abseits stehender Spieler, der nicht in Ballnähe gerät als „Irritation für die Verteidigung“ aufzufassen. Die in diesem Zusammenhang zu stellende Frage: hält man sich heute für so viel schlauer, dass die Menschen damals einfach nur zu
dumm waren, auf diese schlagkräftige Idee zu kommen? Warum werden heute Argumente verwendet (betont gegen die Tore gerichtet) die es früher nicht einmal als entfernt liegende Idee gegeben hätte? Es gab früher einen direkten Torschuss, bei dem sich (dies war ja gerade das Geschick des Ball führenden Angreifers, die Situation richtig zu erfassen und direkt zu schießen anstatt den Abseits stehenden Spieler anzuspielen) die Frage gar nicht stellte, ob da ein Angreifer mit seiner Anwesenheit irgendwo in der Nähe des Tores womöglich den Torhüter irritiert haben könnte. Und, dies heute erkennend, empfindet man nun als „Fortschritt“? Dafür gibt es nur einen treffenden Begriff: es ist Rückschritt. Nur scheint es weithin unerkannt.

Kein bisschen minder kurios die zweite Szene (von vielen möglichen herauszupickenden, Gesagtes zu belegen): Hannover machte eine tolle Partie in Bremen und war lange Zeit die klar bessere Mannschaft – erstaunlicherweise dies sogar vom Sky Sprecher erkannt der, nach kassiertem 0:1, ein wenig bedauernd von einem „Spielverlauf auf den Kopf stellend“ sprach. Irgendwann stand es dann 3:0 – zwei gelungene Aktionen von Werder direkt nach der Pause – und das Spiel schien entschieden. Als aber Hannover nun doch zu einem Treffer kam – und man schaue, Obiges erwägend, bitte auf Spielerreaktionen, früher und heute: bei manchen Toren fiel einem, damals wie heute, kein ansatzweise triftiger Grund ein, dass das erzielte Tor aberkannt werden könnte und man jubelte gleichermaßen direkt, ohne den Schatten eines Zweifels, los –, diesen erfreut zur Kenntnis nahm (noch fehlten ja zwei), der Sprecher auch von dem 1:3 sprach, da wurde diese Freude jäh erstickt. Die Fahne des eifrigen Assistenten war oben. Kein Tor, weiter
3:0.

Was war nun hier geschehen? Beim Abschluss des Angreifers lag ein Spieler im Fünfmeterraum, mit einem roten Leibchen an, der Farbe von Hannover. Wie er dort hingeraten war, spielt beinahe keine Rolle, jedenfalls griff er weder ins Spiel ein noch irritierte er den Keeper, so die Behauptung hier, da es ein direkter Torschuss war, welcher jedoch ziemlich knapp an ihm vorbeiging. Dennoch sieht man an der Reaktion des Torhüters, dass das Nichterreichen des Balles nichts mit der Anwesenheit des Stürmers zu tun hat. Der Ball ist zu schnell, da kommt er nicht hin, der Stürmer liegt auch hinter ihm. Als der liegende Spieler das (mögliche) Unheil wohl kommen spürt und, mit seine Klasse und dem Reaktionsvermögen, erkennt, dass eine Ballberührung in jeder Hinsicht schadhaft sein könnte, sieht man, wie er die Beine hochzieht, damit der Ball einen ungehinderten Weg ins Tor findet.

Nie und nimmer oder nur mit sehr extremer Bösartigkeit könnte man dies als Abseits auslegen. Dieses Geschick verdient eher eine lobende Erwähnung, da man ja, falls er den Ball berührt hätte (wie Bayern Angreifer Janker einst, als er an einen sicher ins Netz gehenden Ball, wohl, um den Treffer für sich zu verbuchen, noch ranging, obwohl er klar erkennbar im Abseits stand; hier, so die vertretene Meinung, war es schon allein wegen der Dummheit und der verwerflichen Absicht dahinter korrekt, das Tor nicht zu geben, obwohl jeder erkennen konnte, dass er diesen Ball nicht einmal bei größtem Bemühen, als gegnerischer Abwehrspieler am Überschreiten der Torlinie hätte hindern können), tatsächlich eine Abseitsentscheidung befürchten müsste.

Der lapidare Kommentar zu diesem völlig korrekten Tor, in der Sky Zusammenfassung: „Der Spieler liegt hier im Abseits, außerdem berührt er den Ball sogar noch, also: korrekte Entscheidung.“ Ähnlich wie bei Hertha ist also jedes Argument recht, Tore abzuerkennen. Es gibt auch am Montag keine längere Analyse der Szene, wie bei dem Kölner Tor, wo man sich sicher war, das Haar in der (so faden, da ohne Salz…) Suppe gefunden zu haben. Niemand, der sich beschweren könnte oder würde. Das Tor zählte nicht, das war es. Korrekt war es auch noch, wie uns vermittelt wurde. Aber nur die Aberkennung. Schwamm drüber. Es gibt spannendere Szenen, die zu kommentieren lohnt, denn noch immer sind ja ein paar Tore gefallen. Die, so wohl die Ansicht der Herren Berichterstatter, bekommen wir auch noch locker weg, wenn es nach uns geht. Vielleicht gibt es ja bald den Spieltag, da alle neun Spiele 0:0 enden?

Wo nur hat er die Ballberührung gesehen? Das, so sei versichert, ist wirklich „bösartig“. Abgesehen davon: zu welchem Zeitpunkt hebt der Assistent eigentlich die Fahne? Glaubt der Kommentator etwa, dass er es genau in dem Moment tut, als der Angreifer den Ball (nicht) berührt? So etwa müsste er sich seine Gedanken vorstellen: „Ah, da liegt ja ein Stürmer im Abseits. Mal sehen ob der eingreift. Ja, tatsächlich, er hat den Ball berührt! Dann ist es Abseits!“ und die Fahne geht hoch? Nein, das wäre völlig absurd. Der Assistent hat nur eine Erkenntnis gewonnen – und wurde am Abend erneut in ihr bestätigt: Mach die Fahne hoch, was auch immer ist, Hauptsache, es fällt kein Tor, denn nur wenn eines fällt könnte es passieren, dass sie dir nachgehen und dir einen Fehler nachweisen. Ansonsten bist du IMMMER IMMER IMMMER im Recht, wenn du etwas anzeigst. Und wenn keine Kamera der Welt etwas aufdecken kann (wie übrigens unlängst mindestens einmal geschehen), so schweige bei Nachfrage, warum du etwas angezeigt hast, schau dir in Ruhe die Fernsehbilder an, lausche gebannt den zahlreichen
Erklärungsmöglichkeiten, die die Experten dir anbieten und trete dann an die Öffentlichkeit, wenn du die am wenigsten widersinnige herausgepickt hast. Dann, so sei versichert, stehst du garantiert am nächsten Spieltag wieder auf dem Platz und darfst winken oder pfeifen.

Fakt ist, dass der Assistent die Fahne einfach so hochnimmt. Das Eingreifen des Spielers geht ihm eh völlig am Allerwertesten vorbei. Schuld aber ist er keineswegs. Schuld sind diejenigen, die eine derartige Aktion unter den Teppich kehren und eine andere herausstellen. Die unterbundene Toraktion wird als richtig erkannt gewertet und im Anschluss ignoriert, die zugelassene verdient es, breit getreten zu werden, bis ihre Fehlerhaftigkeit nachgewiesen.

Was, nimmt man nun an, werden die Schiedsrichter in der nächsten Woche entscheiden? Für oder gegen ein Tor? Da fällt die Wahl aber wirklich leicht… Das gesetzte Signal ist garantiert das falsche.

2) Wie geht ein Fußballspiel? (Pauli – KSC)

Wenn man nun keiner der exklusiven (aber objektiv ziemlich belämmerten) Sky- Abonnenten ist, dann hat man pro Woche einmal die Gelegenheit, ein Spiel live zu schauen, ohne dafür extra zur Kasse gebeten zu werden. „Die Gelegenheit“ ist im Übrigen der weit passendere Ausdruck gegenüber „das Vergnügen“. Selbst wenn es nicht das so genannte „Free TV“ ist sondern eines Satelliten Anschlusses bedarf, so ist es doch heutzutage so ziemlich für jedermann zugänglich.

Insofern nutze ICH diese, genau, Gelegenheit, um mich ein wenig in die Folterkammer zu begeben, äh, nein, natürlich nicht, also eher derart, dass ich mir das Spiel bei Sport 1 anschaue, um eben Ohrenzeuge der so alternativen Berichterstattung (denn die Sky Kommentatoren tagein tagaus machen wirklich extrem übellaunig bis aggressiv) zu werden. Irgendwie herrscht noch immer so ein Gefühl vor, dass man dort etwas besser versorgt wird. Kommentator des Montagabend Spiels übrigens seit Jahren schon Thomas Herrmann.

Dieser hat tatsächlich einen etwas weniger negativen, einen etwas nach Freude (anfänglich) klingenden, einen ganz hauchdünn bedeutungsschwangeren Tonfall, dass man glaubt, man könnte sich vielleicht doch mal wieder auf ein Spiel freuen. Immerhin haben sie dort anscheinend auch schon begriffen, dass das Konzept mit zwei  Kommentatoren wesentlich schlüssiger ist, dass man es eigentlich immer mit zweien machen müsste. Nur kommt der Zweitsprecher bisher kaum zu Wort (es handelte sich diesmal, aber nicht erstmals, um Marko Rehmer) und wenn er darum gebeten wird, so ist vermutlich zuvor abgesprochen, dass er exakt das gleiche zu sagen hat. Es ist ein völlig reingespültes Geschwätz, auf das man sehr gut verzichten kann, insofern also die Idee zwar richtig (zwei Sprecher), die Umsetzung katastrophal. Wohlgemerkt wird hier der Schwarze Peter keineswegs Marko Rehmer zugeschoben, vielmehr muss man annehmen, dass dieser vor der Übertragung mit Scheuklappen ausgestattet wird, und dazu eine Schallplatte verschlucken muss, auf der die platten Sprüche alle drauf sind. Abgesehen davon spielt man sich in England gekonnt die Bälle zu, während hier ein Labersack ab und an seinen Nachbarn befragt, damit ganz klare Hierarchien absteckend, und der Befragte keinesfalls eine andere Tonart anschlagen darf. Nein, so geht es nicht.

Vor der Partie spielt Thomas Herrmann also Vorfreude. Er spricht gekonnt, einem wahren Journalisten gleich, der nämlich „die Story“ hat, die man deshalb einfach anhören und anschauen muss. So weit alles ok. Als er aber zur Einschätzung der Partie kommt, fragt man sich bereits zum ersten Mal, ob er denn schon je zuvor ein Zweitligaspiel gesehen hat (wovon man ja an sich überzeugt sein kann, da er ja allwöchentlich ins gleiche Horn stößt). Erstaunlich zuvor übrigens noch, dass die angebotenen Quoten von betfair angegeben wurden vor der Partie. Denn, so bin ich überzeugt, könnte man, sobald das Wetten aus diesem merkwürdigen Zwielicht befördert würde, allein dadurch für höhere Einschaltquoten sorgen, dass sich die Zuschauer nicht nur emotional beteiligen sollen, sondern dies gar pekunär tun dürften, ohne gleich in die Riege der Brandstifter oder Kinderschänder eingereiht zu werden. Du wettest auch? Ja, klar wette ich. Wer macht das denn nicht? Eine absolut faire Angelegenheit!

So war der Siegkurs auf St. Pauli eine 1.36. Dies natürlich eine absolut korrekte Einschätzung (der Computer hatte eine faire Quote von 1.37, erstaunlich, eben erst gesichtet, deckungsgleich). Nur musste man danach die Worte vernehmen (übrigens direkt nachdem die Trainer befragt waren), von Thomas Herrmann gesprochen, dass  „alles andere als ein klarer Sieg für St. Pauli eine Überraschung wäre.“

Um nun mal Herrn Herrmann auf den Zahn zu fühlen, würde ich ihm anbieten, das Spiel so für ihn aufzuzeichnen, dass er weder die Spieler noch die Trikots erkennen kann. Dann würde ich ihm 20 Minuten Zeit geben, das Spiel zu schauen und mir danach zu sagen, welche Mannschaft nach seiner Meinung St. Pauli ist und welche der KSC. Da hätte er vermutlich eine Trefferwahrscheinlichkeit von ziemlich genau 50%. Jeder, der bereits einmal Zweitligafußball geschaut hat, ernsthaft geschaut hat, Spiele über 90 Minuten, der sollte wissen, wie eng es in der Liga zugeht, selbst wenn gerade diese Saison eine  statistisch (weiter unten) nachprüfbare Ausnahme bildet, in welcher das Tabellenbild erstaunlich gezerrt ist. Es gibt nicht diese gigantischen Unterschiede, von denen er gerade fabuliert. Es wird ein enges Spiel, es wird ein umkämpftes Spiel, selbst wenn die Markteinschätzung von 1.36 richtig ist und also doch ein recht klarer Favorit dasteht.

Weiter gehend die Frage, woran er eigentlich interessiert ist? Die eine Frage in dem Zusammenhang ist jene, ob er fest überzeugt ist, dass es nach dieser abgegebenen Einschätzung eine höhere Zahl von Zuschauern gibt, die ihm lauschen wollen, oder ob sie abnehmend ist? Oder meint er, dass es gar keine Rolle spielt, dass eh alle zuschauen? Also ich bin ganz sicher, dass man damit dem Spannungsgehalt schadet. Wer nichts davon versteht und vielleicht einmal zufällig bei dem Sender landet, wird vermutlich eher weiter schalten, wenn er diesen Satz hört. Vielleicht gab es auch ein paar Zuschauer, die ab und an mal schauen und für heute diese oder jene Sendung auswählen wollen (man bedenke, dass 20:15 Prime Time ist). Nun hören sie, dass „alles andere als ein klarer Sieg für St. Pauli eine Riesen Überraschung wären“ und entscheiden sich spontan DOCH für den Tatort oder was immer es gibt. Denkt denn auch bei Sport 1 niemand an  Einschaltquoten? Wie fasziniere ich mein Publikum, wie zwinge ich den Zuschauer, dran zu bleiben, selbst wenn er bis vor Minuten noch sicher war, etwas Besseres vor zu haben? Das müssen doch die relevanten Aspekte sein?

Für einen neuzeitlichen deutschen Kommentator alles untergeordnet. Es gibt nur den  einen Aspekt: Hauptsache, ich stehe gut da, habe alles gesehen, habe permanent orakelt wie das Spiel ausgeht, nur um dann, wenn es doch anders kommt zu beweisen, dass es nur so kommen konnte und vor allem, dass ich all diese dummen, schrecklichen Fehler aufdecken kann. Wenn der Ball tatsächlich einschlägt, dann gibt es niemals Freude sondern immer nur eine schon während der Aktion beginnende Fehleranalyse, wer wann gepennt hat (meist eigentlich alle, die das Tor hinnehmen), wo der schlimme Fehler im Aufbau war, wer wen sträflich ungedeckt gelassen hat und vor allem während des Einschlages schon die anscheinend maximal als relevant erachtete Frage, ob der Torwart nicht eine Mitschuld trägt und da hätte herankommen müssen.

Hintergrund dieses ganzen Unsinns, und die fatal irrige Ansicht: der Zuschauer schaut eh, weil ja Fußball ist und Fußball ist so toll, dass, egal, für wie schwach man das Spiel und die Aktionen erklärt, ab wann man ein Fazit zu ziehen hat und damit das Spiel für beendet erklärt (was eben auch permanent, je nach dem Spielstand gerichtet, geschieht), und wie schwach und langweilig es eh ist (man schaue einmal die Konferenz der Zeiten Liga, da wird auch herrlich Doppelpass gespielt: „Hier ist nichts los, ich gebe mal weiter nach Fürth, wie siehts bei dir aus, Manni?“ „Nee, hier passiert auch nix, gehen wir weiter nach Dresden.“ „Ganz schwaches Spiel hier, gähnende Langeweile, zurück zu dir, Markus.“), eh garantiert alle einschalten und zuschauen.

Die zweite Frage an Herrn Herrmann wäre die, ob er denn mit dieser abgegebenen Einschätzung die eigene Erwartungshaltung zum Ausdruck bringt. „Alles andere wäre eine Überraschung.“ Was also wünscht er sich, damit es eine gelungene Übertragung, ein tolles Spiel wird? Soll es nun möglichst so gehen: 1:0, 2:0, 3:0. Sehen Sie? Ich hatte Recht, ein klarer Sieg für Pauli. Ach, Sie haben gar nicht bis zum Ende geschaut? Was hätte dies für einen Sinn?

Selbst wenn es also richtig wäre, dass alles andere als ein klarer Sieg eine Überraschung wäre, dann bliebe noch immer die Frage, ob er sich diesen Spielverlauf zu wünschen hätte oder ob er nicht doch erfreut sein sollte, wenn es keine Einbahnstraße würde, weil dies doch ziemlich verlässlich ein Einschaltargument sein müsste? Die Antwort auf diese Frage erhielt man etwa (spätestens) nach 15 Minuten. Denn: allmählich klang wahrhafte Enttäuschung durch über den sehr ausgeglichenen Spielverlauf. So musste man mit anhören, wie er doch „von St. Pauli mehr erwartet hätte“, als ein Beispiel. Er beginnt also, den von ihm vorbestimmten Sieger zu kritisieren, anstatt sich an der spannenden Übertragung, den wirklich hervorragend agierenden Karlsruhern zu erfreuen, die dem klaren Favoriten doch so gerne in die Suppe spucken wollten.

Dieser Tenor blieb einem das ganze Spiel über erhalten. Es war ein tolles Spiel, auf exzellentem Zweitliganiveau, welches nun einmal, wie bei Zweitligaspielen (fast über Jahrzehnte) üblich, ein sehr umkämpftes Spiel war, bei welchem bis zum Schlusspfiff, trotz der 1:0 Führung für St. Pauli durch ein Traumtor (bei welchem er noch, bei einem perfekt getroffenen Fernschuss aus fast 30 Metern, der über dem ein paar Metern vor dem Tor stehenden Keeper einschlug, während des Fluges des Balles erkannt haben wollte, dass hier der Torwart ZU WEIT vor seine Kasten stünde; Freude gibt es nicht), alles drin zu sein schien, vor allem eben der Karlsruher Ausgleich.

So war ihm das Spiel aber auch nicht recht. Seine Erwartungen wurden nicht erfüllt (welche ohnehin unsinnig waren) und Freude über ein spannendes Spiel können bei ihm (natürlich ebenso wenig wie bei einem klaren Ausgang) niemals aufkommen. Nun würde ich abschließend nur die eine Bitte an Herrn Herrman aussprechen: bitte, erzählen Sie beim nächsten Spiel – lassen Sie es sich ja nicht nehmen, nein, den Platz haben Sie sicher – vor dem Spiel genau, wie Sie es sich vorstellen, wie es verlaufen sollte, schreiben Sie es auf. Aber, die Bitte erst jetzt: wenn es denn tatsächlich gelingt, den Spielverlauf so zu treffen, dann seien Sie bitte dieses eine Mal zufrieden mit dem Spiel.

Denn: die Theorie lautet, dass er dann zwangsläufig auf der unterlegenen Mannschaft herumhacken würde. Also: wenn St. Pauli tatsächlich die Tore erzielt hätte, und klar gewonnen hätte, dann hätten es die Karlsruher aber knüppeldicke abbekommen. Die Frage ist nämlich — und es ist eigentlich gar keine Frage mehr, denn die Antwort  lautet kategorisch „Nein“ — : gibt es überhaupt ein Spiel, einen Spielverlauf, mit dem ein deutscher Kommentator zufrieden wäre?

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